Die Chrysantheme – Blume der Nation und Siegel des Kaisers

Foto von Blumen

Nirgendwo sonst spielt diese Blume eine so besondere Rolle wie in Japan. Zwar wird sie in Korea und gerade in China schon seit vielen Jahrhunderten verehrt und hoch geschätzt, aber in Japan hat sie einen ganz besonderen Status erlangt. Sie ist in der Tat weit mehr als eine Nationalblume. Zugleich Staatswappen und Symbol der Sonne, ist sie eng mit dem Kaiserhaus verbunden.

Nach Europa gelangte die Chrysantheme erst 1786, als der Marseiller Seemann Pierre Blancard (1741-1826) eine Ausführung der Chrysantheme in Purpurrot nach Frankreich brachte. In den Wirren der Französischen Revolution gingen die meisten Pflanzen jedoch leider wieder verloren. Erst Mitte des 19.Jahrhunderts brachte dann der berühmte, schottische Abenteurer und Botaniker Robert Fortune (1812-1880) eine Anzahl von Chrysanthemen aus China in seine Heimat. Er bereiste aber auch Taiwan und Japan und beschrieb die Kultur der Seidenraupen sowie die Herstellung von Reis. Berühmt wurde er allerdings durch seine erfolgreiche Kultivierung von Tee in Indien, im Auftrag der „British East India Company“. Allein für dieses Husarenstück kann man ihm getrost den Titel:„größter (und vermutlich auch erster) Industriespion“ der Welt geben.
Mit der Zeit ist diese exotische Pflanze, in Deutschland auch als Winteraster bekannt, zum Symbol für die Liebe über den Tod hinaus geworden. Zumindest in Mitteleuropa kennt man Sie als Toten-, oder Friedhofsblume. Zu unrecht. Lautet ihre lateinische Übersetzung doch – Goldblumen.

In Ostasien ist die Symbolik der Chrysantheme, welche bis weit in den November hinein blühen kann, eine ganz andere. Hier wird sie schon immer mit Unsterblichkeit in Verbindung gebracht. Geradezu magische Fähigkeiten wurden ihr zu gesprochen. So hatte man sich z.B. als Schutz gegen Unheil Chrysanthemen ins Haar gesteckt. Auch spielt die Goldblume immer noch eine große Rolle in der TCM (Traditionellen Chinesischen Medizin); wo sie vielfältigst eingesetzt wird.

Foto von Zeichnung Blumentee
Chrysanthemen-Tee und Go-Spiel, um 1600; gemeinfrei

In Japan heißt die Chrysantheme Kiku (菊), was so viel wie „Abendsonne“ bedeutet. Ihr ist ein ganzer Monat geweiht. Der September heißt in Japan daher auch Kikuzuki (菊月 – Chrysanthemen-Monat); zu deren Höhepunkt ein großes Fest gefeiert wird. Das Kiku no Sekku (菊の節句 – Chrysanthemenfest) entstand in der Heian Zeit (794 bis 1185), in der die Goldblumen, vor allem die 16-blättrigen, dem Kaiserhaus vorbehalten waren. Zu dieser Zeit wurde das Chrysanthemenfest am 9. Tag des 9. Mondmonats gefeiert.

Heute liegt es regelmäßig auf dem 9. September. Damals war das Chrysanthemenfest noch ein reines Hofzeremoniell und enthielt, neben einem großen Festessen, die feierliche Übergabe von Blumenarrangements aus Chrysanthemen. Ein Dichterwettstreit rundete diesen besonderen Tag für die Kaiserliche Familie und deren engsten Vertrauten ab. Erst ab der Edo Zeit (1600-1868) wurde das

Foto von frittierter Blume
frittierte Chrysanthemen-Blüte, oishii…

Chrysanthemenfest zu einem öffentlichen Fest und es finden, bis in unsere Zeit hinein , an diesem Tag aufwändig gestaltete Chrysanthemen-Ausstellungen statt. Zudem trinkt man immer noch gerne den mit Chrysanthemenblüten gewürzten Kiku-Sake (菊酒), wie es früher schon am Hofe üblich war. Außerdem aus alter Zeit übrig geblieben, sind besondere Speisen.
Beliebt sind z.B. Salate, Tees oder sogar frittierte Goldblumen.

In Japan gehören diese Blumen außerdem zu den kaiserlichen Symbolen. Der Thron des Tenno (天皇 – himmlischer Herrscher),

Foto vom Thron
der Chrysanthemen-Thron, heute

trägt den Namen „Chrysanthemen Thron“. Sein Palast ist der „Chrysanthemen Palast“ und das Kiku no Gomon (菊の紋 – Chrysanthemenwappen) findet man praktisch auf allen Dingen des Kaiserlichen Hauses wieder. Von Geschirr, Kleidung sowie Möbeln aus alter und neuer Zeit über Verzierungen am Palast wie auch den Tempeln und Schreinen mit denen der Tenno in Verbindung steht.
Es existiert bis heute kein Gesetz, das das Kaiserliche Siegel zum Staatswappen erklärt. Es wird jedoch weitestgehend als solches genutzt und ist z.B auf allen Reisepässen der Japaner zu sehen; sowie auf der Rückseite der 50 Yen Münze. Selbst der höchste japanische Staatsorden ist der Kikuka sho (菊花章 – Edles Zeichen der Chrysantheme).

In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an einen Karate-Lehrgang mit Hanshi Fritz Nöpel (1935-20XX), vor ein paar Jahren. Im Mundo zum Thema Etikette erklärte er uns folgendes:

Die Zeit für das Mokuso im Karate-Do sollte idealerweise ca. 30 – 50 Sekunden betragen. Er stelle sich dabei geistig immer das Siegel des Tenno vor. Die 16 blättrige Goldblume. Das Fallen jedes Blütenblattes dauert ungefähr 2-3 Sekunden. Wenn alle Blütenblätter abgefallen sind, ist das Mokuso ausgefüllt…

Die japanische Monarchie stellt zu dem etwas ganz besonderes dar. Sie ist die älteste ununterbrochene Erbmonarchie der Welt. Das Kaiserhaus erkennt 125 Monarchen seit der Thronbesteigung von Kaiser Jimmu an. Er soll von 660 bis 585 v.C. geherrscht haben, historisch gesichert ist das aber nicht. Die meisten Historiker schreiben den ersten 14 Kaisern von Jimmu bis Chuai (192-200 n.C.) eher legendären Charakter zu. Damit wäre sie aber immer noch viel älter als die dänische Monarchie. Sie ist mit ihrer mehr als tausendjährigen Geschichte die älteste in Europa. Von Gorm dem Alten (899–958) bis zur Thronbesteigung der amtierenden Königin Margrethe II. (1940-20XX).
Jede Monarchie auf der Welt hat traditionell neben Wappen und Symbolen, außerdem ihre eigenen Reichsinsignien. In Europa sind dies klassisch: das Zepter, die Krone und der Reichsapfel. In Asiatischen Ländern können dies aber ganz andere Dinge, mit einer größeren Vielzahl sein; die alle mehr oder weniger von gleicher Kostbarkeit sind. In Thailand sind es z.B. u.a. die „königlichen Sandalen“ (aus puren Gold) oder der „königliche Fliegenwedel“ (aus den Schwanzhaaren eines weißen Elefanten). In Japan sind es die sanshu no jingi (三種の神器 – drei wertvolle Dinge). Es handelt sich dabei um:

Kusanagi no tsurugi         (草薙の剣 – Kusanagi Schwert)
Yasakani no magatama   (八尺瓊の曲玉 – Krummjuwelen)
Yata no kagami                  (八咫の鏡 – kaiserliche Spiegel)

Gegenwärtig soll sich das Schwert im Atsuta Schrein in Nagoya, der Spiegel im Ise Schrein, und die Juwelen im Kaiserpalast in Tokyo befinden.

Foto der Drei
Spiegel (Rückseite), Schwert und Juwel; wie man sie sich vorstellt

Der Spiegel symbolisiert u.a. den Himmel; das Schwert die Erde. Beide sind aus Bronze gefertigt. Die Juwelen sind zu einer Kette zusammengefasst und aus Jade. Sie sollen die Unterwelt versinnbildlichen. Laut alten Legenden schützten Spiegel vor unheilvollen Mächten, da sie selbst mächtigste Dämonen töten sobald sie sich selbst in einem Spiegel sehen. Krummjuwelen waren magische Objekte. Sie wurden in Ketten um den Hals getragen oder auf Zweigen aufgehängt, die von Schamanen zu bestimmten Riten geschüttelt wurden. Schwerter dagegen dienten in der Frühzeit mehr der Repräsentation als dem Kampf, gerade wenn sie kunstvoll verziert waren.

Die Throninsignien sind allerdings weder der Öffentlichkeit noch der Wissenschaft zugänglich; auch vom Kaiserhaus selbst wurden nie Beschreibungen oder Abbildungen der Insignien veröffentlicht. Sie sind zwar fester Bestandteil der Krönungszeremonie doch was genau sich in den drei Päckchen befindet, und ob überhaupt, ist wohl eher Glaubens Sache.
Dazu muss man jedoch etwas über den Shintoismus wissen. Shintai (神体 – Gottkörper) stellen die Hauptheiligtümer shintoistischer Schreine dar. Sie repräsentieren jedoch streng genommen nicht die Gottheit selbst, sondern stellen ihren Wohnsitz im jeweiligen Schrein dar.

Foto der drei Päckchen
die wertvollen Drei, bei der Krönungszeremonie von Kaiser Akihito 1990

Um eine Gottheit in ein Shintai „herbeizurufen“, sind aufwändige Zeremonien notwendig. Danach wird das Shintai im jeweiligen Schrein aufbewahrt und sollte danach von keinem Menschen, nicht einmal von den Priestern selbst, mehr angesehen werden.

Wappen und Abzeichen haben natürlich in Ostasien genauso eine lange Tradition wie bei uns in Europa. Seit Jahrtausenden war es Brauch, das Krieger und besonders Heerführer auf ihren Schilden und Fahnen verschiedene Zeichen oder Figuren setzten. In Schlachten waren Feldzeichen und Standarten entscheidend, um sie aus großer Entfernung noch unterscheiden zu können. Aus den anfänglich eher willkürlich und sehr variablen Farben und Symbolen, welche prinzipiell bei jeder Schlacht neu festgelegt werden konnten, entwickelten sich mit der Zeit festgelegte Formen die einer ganz bestimmten Richtlinie folgten. Wappenschilde wurden zunehmend wichtiger. Ein ganzer Berufszweig, der des Heroldes, entstand. Die Heraldik, mit ihren vielen Regeln und Gesetzen, ist bis heute eine Wissenschaft für sich.
Dem europäischen Wappenwesen vergleichbar sind die Mon oder Kamon (家紋 – Familienzeichen) Japans. Ab der Mitte der Edo-Zeit (1603–1867) begannen Familien aller Stände, sich Mon zu zulegen. Außerdem wurde es Mode, das eigene Mon auch auf Kimonos zu tragen. In unserer Zeit haben immer noch viele japanischen Familien ein Mon; sie spielen aber nur noch eine geringe Rolle im täglichen Leben. Manchmal werden sie allerdings, in abgewandelter Form, in Firmenlogos integriert. Bekannte Beispiele sind das „Mitsubishi-Logo“ oder das „Kikkoman-Logo“. Der Name „Mitsubishi“ bezieht sich auf das Logo mit den drei Rauten und ist eine Kombination der Wörter „mitsu“ und „hishi“. „Mitsu“ bedeutet „drei“. „Hishi“ bedeutet Wasserkastanie. Wenn der Laut „h“ in der Mitte eines Wortes auftritt, verändern ihn die Japaner häufig zu einem „b“. Daher sprechen sie die Kombination aus „mitsu“ und „hishi“ als „mitsubishi“ aus. Abgeleitet ist das Mon vom Familienwappen Yataro Iwasakis mit den drei Schichten Wasserkastanien und vom Wappen der Familie Yamanouchi vom Tosa-Clan mit den drei Eichenblättern.
Der Weltmarktführer im Bereich Sojasauce, der beiden japanischen Familien Mogi und Takanashi, hat nicht nur am kaiserlichen Hof einen festen Platz.

Kikkoman Logo
bekanntes Markenzeichen

Sein Mon hat eine besondere Bedeutung. „Kikko“ bedeutet Schildkrötenpanzer und „man“ heißt 10.000. Das charakteristische sechseckige Hexagon besteht aus einem stilisierten Schildkrötenpanzer und dem japanischen Kanji für die Zahl 10.000, beides symbolisiert Glück und langes Leben.

Aber auch in den Kampfkünsten, wie z.B. Karate, findet man auf der Kleidung gelegentlich Mon von bekannten japanischer Familien. Dies empfinden Japaner jedoch als überaus unangebracht. Gegen erfundene, eigene Mon bestehen weniger Vorbehalte.

Auch ich habe mir ein Mon selbst designt. Es zeigt eine weiße Kirschblüte, in dessen inneren sich ein stilisierter Tiger befindet. Auf den Blättern sind Kreisförmig sechs Kanji angebracht. Das Ganze wird von einem rotem Kreis eingefasst. Kanji, Tiger und sämtliche Außenlinien sind ebenfalls rot. Der Tiger ist das Symbol der Stilrichtung „Shotokan“ in der ich zu Hause bin. Die sakura (桜 – Kirschblüte) ist ein Symbol für die Schönheit, Aufbruch und die Vergänglichkeit aller Dinge und das Zeichen der Samurai. Sie vereinigt in sich drei Begriffe:


Yamato-damashii
  (大和魂 – japanischer [Volks-]Geist/Bewusstsein)
Yamato-kokora       (大和心 – japanisches Herz/Gemüt)
bushido                     (武士道 – weg des Kriegers/Ehrenkodex)

Eine vom Wind davongetragene Kirschblüte, gilt als Symbol des idealen Todes. Japanische Kirschbäume tragen übrigens keine Früchte. Die Kanji sind die Worte: Karate and more; der Name meines Blogs. Rot und Weiß sind die Farben Japans aber auch die meiner Heimatstadt Hamburg. Der Kreis schließlich hat mehrere Bedeutungen und steht unter Anderem für Gleichgewicht, Harmonie, Zeit und vieles mehr.

Fazit:

Nichts ist einfach nur das, was es auf den ersten Blick darstellt. Meistens steckt mehr dahinter. Dies gilt besonders für Ostasien. Also immer schön aufmerksam und hellhörig bleiben.

ki o tsukete kudasai (気をつけて下さい)

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