Ein Zeugnis vom Meister

Irgendwann ist es so weit und Sie halten ihr Dan – Diplom, in manchen Verbänden auch Dan – Urkunde genant in Händen. Wenn sich ihr Honbu Dojo (本部道場) in Japan befindet wird es mit großer Wahrscheinlichkeit auch auf japanisch geschrieben sein. Nur können Sie es auch lesen ?

So ein wertvolles Dokument befindet sich normalerweise zu Hause an einem repräsentativen Ort. Vielleicht hängt es sogar im eigenen Dojo. Da sollte man schon wissen, was darauf geschrieben wurde. Gut wäre es auch, wenn Sie Auskunft über die roten Stempel geben können und eventuell noch etwas über die sehr oft verwendeten Goldverzierungen am Rand zu berichten haben. Bei letzteren handelt es sich um

Ausschnitt von einem Dan Zertifikat
Ausschnitt meiner DJKB Dan-Urkunde

Fenghuang (鳳凰). Die Schriftzeichen sind im chinesischem und japanischen gleich. Die Japaner sprechen es allerdings „Ho-Ho“ aus. Irrtümlicher Weise ist oft die Rede vom asiatischem Phönix. Dabei haben diese Fabelwesen viel mehr Ähnlichkeit mit unseren europäischen Pfau und sind ganz und gar nicht mit dem Phönix zu vergleichen. Der Fenghuang ist das chinesische Wahrzeichen für Yin und Yang. Er ist Herrscher über alle Vögel und gilt als unsterblich. Der Legende nach bekommt man einen Fenghuang so gut wie nie zu sehen. Nur bei der Geburt hervorstechender Gelehrter oder wohltätiger Herrscher erscheint der Vogel als Glücks-Omen. Er ist Symbol für Tugend und Anmut. Noch heute ist er vielerorts abgebildet und z.B. auf den 10.000 Yen Schein gedruckt. Der Fenghuang bevorzugt die Äste des Wutong-Baumes (Sonnenschirm-Baum); mit denen er deshalb oft abgebildet ist.

Bevor wir nun zu der Übersetzung des Dan – Zertifikat kommen, denn um ein solches handelt es sich nämlich, noch ein paar Worte vorne weg. Beim lesen ihres Zertifikates vergessen Sie bitte nicht, dass in Japan traditionell von oben nach unten und von rechts nach links geschrieben wird. Der Dan ( 段位 – Rang) selbst betitelt dabei lediglich den Stand der Technik. Daher auch die treffende Bezeichnung Zertifikat; nach einer technisch abgelegten Prüfung. Im Budo gibt es aber noch den Begriff Shogo ( 称号 – Titel). Er gibt den Stand der ethischen Reife wieder. Dan läuft von eins bis zehn. Shogo hat die Stufen Renshi, Kyoshi, Hanshi und Meijin. Man kann also bei einem Budoka an Hand dieser beiden Titel sofort den Stand der technischen Meisterschaft und den Grad des Engagements für die Gemeinschaft erkennen.

Dazu Rainer Jättkowski (7.Dan Kendo,Kyoshi,5.Dan Iaido,Präsident des Deutschen Kendobundes): “Dan dient der Selbstpflege, ist also Privatsache. Shogo dient der Fremdpflege, ist also öffentlich. Konzentriert sich jemand, was legitim ist, auf seine Dan – Karriere, wurde er früher ein einsatzwilliger und fähiger Samurai. Shogo aber erinnert an Shogun. Ein Herrscher hat immer Verantwortung für sein Volk”.

Das eine hat also mit dem Anderen nichts zu tun. Selbst ein Werner Lind (1950-2014) hat sich an dieser Stelle geirrt. Und da ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass z.B. Gichin Funakoshi (1868-1957) erst im Jahre 1942 der Titel Renshi zugesprochen wurde um zwei Jahre später Kyoshi zu werden. Zum Vergleich: Meister Chojun Miyaji (1888-1953) hatte bereits 1937 den Titel Kyoshi inne. Meister Hironori Otsuka (1892-1982), ein ehemaliger Schüler Funakoshis, war auch bereits 1938 Renshi. Im selben Jahr in dem sein alter Lehrer zum ersten Mal ausgezeichnet wurde, erhielt er den höheren Titel Kyoshi. Otsuka ist ausserdem 1972 die ausserordentliche Ehre zuteil geworden, den Titel des Meijin tragen zu dürfen. Diese höchste aller Stufen ist bis 2014 nur von zehn Menschen erreicht worden und Otsuka ist in dieser Reihe der einzige Karateka.

Die hier zu sehenden Grafiken sind bearbeitete Scans meiner eigenen Dan Zertifikate aus dem Jahre 2001. Das mit den Fenghuang stammt vom DJKB, das Andere direkt vom JKA Headquarter Tokio. Die aller meisten Dan Zertifikate anderer Kampfkünste sind in etwa gleich aufgebaut, und setzen sich im Wesentlichen aus sechs Punkten zusammen.

Ganz rechts steht immer die Zertifikatsnummer (A), gefolgt von einer allgemeinen Höflichkeitsfloskel (C). Danach kommt die Graduierung (D); anschließend das Ausstellungsdatum (E) und Name der Organisation (F). Am Ende stehen die Namen des Präsidenten (G1) und des Chef Ausbilders (G2).

Grafik von einem Dan Zertifikat

Die Übersetzung im Detail:

A
第〇六八七号 – dai rei mu hachiju go

– Präfix für Ordnungszahlen, null, sechs, siebenundachzig, Suffix für Zahlen

B
証 – Sho – Zertifikat

C
貴殿審査の結果 – Kiden shinsa no kekka – Ihnen wird aufgrund der Prüfungsergebnisse

D
初段に列する – shodan ni ressuru – der 1. Dan zugesprochen

E
平成十三年十一月十七日 – heisei jusan nen juichi jushichi

– Name des aktuellen Tenno (Regierungszeit beginnend 1989 mit 1), dreizehn, Jahr, November, siebzehnter (also der 17.11.2001)

F
社団法人日本空手協会 – shadan-hojin nihon karate kyokai

– e.V.(rechtsfähiger Verein), Japan Karate Verband (int. Abk.:JKA)

G1
Nobuyuki Nakahara (1934- jetzt) – President der JKA von 1986-2015

G2
Motokuni Sagiura (1924-2015) – Chef Ausbilder der JKA von 1990-2010

Zum Schluß noch etwas über die roten Stempel. Der Oberbegriff lautet Inkan (印鑑 – Namenssiegel). Dies war früher die Bezeichnung für einen gestempelten Passierschein bei Schloßtoren etc. In alter Zeit nur den obersten Herrschern vorbehalten. Mit dem Aufstieg der Samurai begannen aber auch diese, sich Siegel anfertigen zu lassen. Ihnen war auch das Rot als Stempelfarbe vorbehalten. Während der Meiji Restauration (1868), als jeder Japaner einen Namen annehmen musste, verbreitete sich die Benutzung eines Namenssiegels in allen Bevölkerungsschichten. Heute wird aber meist nur der Begriff Hanko (判子 – Stempel) verwendet. Im modernen Japan haben die meisten Menschen mehrere Stempel. Sie sind das Pendant zu unserer Unterschrift; welche in Japan zu keiner Zeit verwendet wird. Stempel von Männern sind oft größer als die von Frauen und Vorgesetzte in Firmen haben größere als ihre Untergebenen. Die Hanko gibt es als Mitome-In (認印 – nicht registriert / privat) und einmal als Jitsu-In (実印 – registriert / amtlich). Die Mitome-In finden praktisch überall dann im Alltag Anwendung, wenn auch wir unser Namenskürzel machen würden.

Bild Hanko-Set
Mein eigenes Hanko – Set

Neben dem Alltagsstempel haben Japaner immer auch noch zwei individuelle, von Hand hergestellte Siegel, die in Holz, Horn, oder Stein geschnitten werden und wegen der Handarbeit und der Maserung des Materials als fälschungssichere Unikate gelten. Der Abdruck eines dieser Siegel wird bei der Bank registriert und verwendet man nur für Bankgeschäfte. Das zweite Siegel wird im Siegelregister des örtlichen Rathauses registriert. Es ist besonders wichtigen Geschäften, wie z.B. Kaufverträgen, Steuererklärungen, Testamenten, etc., vorbehalten. Diese Siegel sollten sehr sorgfältig aufbewahrt und niemandem in die Hand gegeben werden, dem man nicht vollständig vertraut. Um gegebenen Falls nachweisen zu können, dass ein Siegel einer bestimmten Person zuzuordnen ist, stellt die Behörde sogenannte Siegelbescheinigungen aus; auf denen neben dem Siegelabdruck die wichtigsten Personalien des Siegelinhabers aufgeführt sind. Gegenüber der Behörde weist sich der Siegelinhaber mit einer Siegelkarte im Scheckkartenformat aus, auf der Daten und Sicherheitscodes gespeichert sind.

Die Stempel 3 und 4 sind die jeweiligen Hanko unter den Namen. Nummer 2 dagegen ist das Siegel der JKA. Nummer 1 schließlich hat die Funktion einer alten , aber wirkungsvollen Form der Authentifizierung. Es ist nur die eine Hälfte des Stempelabdruckes. Die Andere befindet sich auf einem Dokument, welches im Honbu Dojo verbleibt und noch einmal die gleichen Daten wie das Zertifikat hat. Die berühmte Danrolle. Nur wenn man beide Dokumente Naht an Naht hält, ergibt sich der gesamte Abdruck und der Beweis der Echtheit ist gegeben.

ki o tsukete kudasai (気をつけて下さいいい)