Das eindrucksvolle Karate Lied, aus Okinawa

Tatsächlich gibt es eine Art Hymne auf das Karate-Do von Okinawa. Das Lied wurde das erste Mal im Jahre 1968, zur Hundertjahrfeier der Meiji – Zeit (1868-1912), präsentiert. Der Text stammt von niemand anderem als Großmeister Nagamine Shoshin (1907-1997); dem Gründer des Matsubayashi-Ryu (松林流) . Dieses wahrlich eindrucksvolle Loblied wird hier erstmals neu übersetzt und interpretiert.

Das in Okinawa sehr berühmte Lied mit dem Namen: Karate-Do Sanka (空手賛歌) ist ausserhalb der Matsubayashi-Ryu Strömung eher unbekannt. Dort hingegen ist es Teil der Tradition geworden. Beispielsweise wird es direkt nach der japanischen Nationalhymne bei Jubiläumsfeiern gespielt. Manch Sensei spielt es sogar während des Seiza (正座 – richtige Sitzhaltung); zu Beginn jeder Unterrichtsstunde. Es soll ein guter Weg sein, um sich geistig für das Training vorzubereiten. Öfter wird es allerdings ausserhalb des Trainings, in einer lockeren, privaten Umgebung, gesungen. Es klingt, laut Meinung häufig Anwesender, nach Sake und Bier noch besser.

Foto von Nagamine Kusanku
Nagamine Shoshin, Ende der 1920er jahre, gemeinfrei

Der Text hat folgende drei Strophen:

1.)

Ach Schau !, gleißend funkelt das Sonnenlicht;
und von kobaltblauer Farbe ist das Meer.
Der Kampfgeist der Insulaner und die „mu“ Methode der Faust,
bringen die wahre Bedeutung hervor; stählen
den Geist und stählen den Körper.
Ach, das ist das Karate-Do von Okinawa.

 

2.)
Ach, selbst wenn uns Feinde angreifen wollen,
im Shurei – Land gibt es Fertigkeiten von übermenschlicher Natur.
Die eiserne Faust wird ohne viel Federlesen
das Fleisch schneiden und die Knochen zerschlagen,
aus tiefster Seele (shin) sich schützen, sich verteidigen.
Ach, das ist der Karate-Do von Okinawa.

3.)
Ach, Herr Tensun aus alter Vorzeit.
Die Glocke des Friedens läutet und erzählt
von Techniken, die nicht zum Angriff, sondern zur Verteidigung dienen.
Die fünf Körperteile sind eine Waffe in diesem Karate;
korrigieren den Geist, verbessern den Körper.
Ach, das ist der Karate-Do von Okinawa.

aus dem japanischen übersetzt: Heinrich K. und Gunnar Zemke (eigene Übersetzung)

Das Lied ist hier im original zu hören:

Gesungen von Jou Takuya (1935-1989). Sänger und Komponist. Mit bürgerlichem Namen hieß er Masaki Kikuchi (菊地正規 ).

Anmerkungen und Erläuterungen:

zu 1.)

In der ersten Strophe wird die Schönheit Insel Okinawa beschrieben. Wer schon einmal dort war oder zumindest Bilder bzw. Filmaufnahmen gesehen hat, kann es bestätigen. Kobaltblaues Wasser, herrlichster Sonnenschein und der Himmel….. Südsee eben. Nebenbei ist die Insel auch ein echtes Taucherparadies.

Den Begriff „mu“ (無), im chinesischen Wu, kann man leider nicht so einfach erklären. Im Westen oft lapidar als das Nichts beschreiben, ist es zweifelsohne viel mehr. Das Nichts (mu) gilt in Ostasien als der höchste Zustand der Aktivität und ist nicht das in unserem Sinne verstandene Nichts. Es ist vergleichbar mit dem Zusammenhang zwischen Dao und Yin-Yang (nichts tun und doch alles bewegen). Mu ist ein Schlüsselbegriff im Zen. Dort gibt es ein sehr bekanntes Koan-Mu:
Zu Meister Joshu Jushin (778-897) kam ein Mönch und fragte ihn: „Hat ein Hund Buddha-Wesen oder nicht?“ Joshu antwortete: „Mu„.

Bild eines Zen-Meisters
Zen Meister, gemeinfrei

Oder:

Frage: „Was passiert, wenn man meditiert?“
Antwort: „Mu

Koan (公案) bezeichnet übrigens einen oft rätselhaften oder paradoxen Ausspruch des Zen-Meisters, durch den der Schüler zum Nachdenken und Meditieren motiviert werden soll. Eine Art Aufgabe, die aber meist nicht mit dem Intellekt gelöst werden kann.

Beispiel:

Ein Mann trat vor Tao-hsin und fragte ihn: „Darf ich den Weg suchen, ohne Rücksicht auf meine Familie?“ Tao-hsin antwortete: „Nein.“
Der Mann fragte weiter „Dann muss ich meine Suche beenden?“
Tao-hsin antwortete wieder „Nein.“
Später fragte der Mann Hung-jen nach dem Sinn der Antworten. Hung-jen riet ihm, ein zweites Mal seinen Lehrer aufzusuchen. Also ging der Mann erneut zu Tao-hsin und fragte: „Darf ich den Weg suchen, ohne Rücksicht auf meine Familie?“
Tao-hsin antwortete: „Ja.“ Der Mann fragte überrascht weiter „Dann muss ich meine Suche nicht beenden?“ Tao-hsin: „Doch“.

Mit Zen-Meistern ist es eben nie einfach, aber Tao-hsin hatte obendrein viel Humor: Als ein Teehändler Tao-hsin bat sein neues Haus zu segnen, erwiderte dieser:
„Ich kann gerne zu dem Haus sprechen, ich bezweifle aber, dass es mich versteht.“

Humor ist nebenbei gesagt nicht „Mu“. Oder weißt Du wie viele Zen-Mönche man braucht, um eine Glühbirne zu wechseln?
Zwei.
Einen zum Wechseln und einen zum Nicht-Wechseln.

In der Kampfkunst wird versucht den Zustand des mu sowohl im Training als auch im Kampf zu erreichen. Der Geist ist dann nämlich frei (leer) von Gedanken und Emotionen.
Ein etwas bekannteres Wort, in dem das Kanji mu verwendet wird, ist z.B. Mudansha (無段者 – Person ohne Rang).

zu 2.)

In der zweiten Strophe ist die Rede vom Shurei-Land; mit seinen übermenschlichen Fertigkeiten. Letzteres kann man auch mit: göttlichen Techniken (神技- kami waza) übersetzten. Dieser Begriff, wird im Fazit genau erklärt. Mit dem Shurei-Land ist natürlich Okinawa gemeint. Genaue Erläuterung s.h. Hier.

Bei der eisernen Faust stellt sich heraus, dass es sich dabei um eine Waffe handelt. Der Tekko (鉄甲- Eisen Handrücken) ist eine alte okinawanische Waffe des Kobudo, die am Anfang des 17. Jahrhunderts aufkam. Später, Anfang des 19. Jahrhunderts, war sie sehr verbreitet. Der Tekko wurde entwickelt, um die Schlagkraft der Fausttechnik zu erhöhen und gleichzeitig die Faust vor Verletzungen zu schützen. Es heißt, man konnte mit ihnen sogar eine Rüstung durchschlagen. Heute gibt es mehrere Formen des Schlagrings, der immer paarweise eingesetzt wird. Er war so geformt, dass sich die Vertiefungen des Schaftes genau den Fingern der Hand anpassten. Über dem Handrücken lag ein

Foto von Tekko Schlagringen
Schlagringe aus dem Okinawa Kobudo

vollständig gegossenes Eisenband. Dieses hatte drei größere Nieten artige Spitzen, die zwar rund aber äußerst scharf sein konnten. Die typische Form erinnert an Steigbügel am Sattel eines Pferdes, von denen sie angeblich auch abstammen sollen. Im laufe der Zeit ist dieser Schlagring allerdings mehr und mehr zum Exoten geworden und nur noch wenige Kobudo Meister lehren den Umgang mit dieser Waffe. Der Name Taira Shinken (1897-1970) ist untrennbar mit ihr verbunden. Er schuf die Kata Maezato no Tekko.

Das Wort shin oder auch kokoro (心 – Herz,Seele, Geist), ist wiederum nicht so einfach zu erklären. Worte wie Hingabe, Leidenschaft und Einsatz, mit dem Prädikat: „ganz und gar“, treffen es ganz gut. Im deutschen gibt es den Ausdruck: „beherzt“.

Dies alles ist shin. Oder um es noch anders zu erklären. Echte Kunstwerke werden von Meisterhand geschaffen. Weltrekorde von Spitzensportlern erzielt. Weil sie alle shin haben.

zu 3.)

In der dritten Strophe heißt es: Herr Tensun, aus alter Vorzeit. Dazu folgendes.

Die erste Linie der Könige in Okinawa wurde die Tenson-Dynastie oder auch „Dynastie der himmlischen Abstammung“ genannt. Ein altes Geschichtsdokument namens „Chuzan Seikan“ (中山世鑑) erzählt, dass es 25 Könige gegeben hat. Sie alle sollen angeblich Nachkommen von Amamiyu (阿摩美久) sein; die Göttin der Schöpfung der Ryukyu – Inseln. Die Namen aus dieser Vorzeit, sind allerdings nicht bekannt. Die Legende diente wohl nur dazu, eine göttliche Abstammung zu konstruieren und den Herrschaftsanspruch zu festigen bzw. zu legitimieren.

Bild eines Shunten Königs
König mit typischer Krone, gemeinfrei

Was wir wissen ist, dass die feudale Gesellschaft in Okinawa sich über einen Zeitraum von ca. 700 Jahren bis ins zwölfte Jahrhundert hinein entwickelt hat. Viele lokale Häuptlinge oder Kriegsherren, die aji (按司) genannt wurden, dehnten ihre Macht immer weiter aus und kämpften ständig um größere Territorien.

Minamoto no Tametomo (berühmter Samurai des einflussreichen Minamoto – Clans, 1139-1170), dem eine vernichtende Niederlage gegen die Taira zu einer Flucht zwang, heiratete ein okinawanisches Mädchen. Sie bekamen einen Sohn, den sie Sonton (1166-1237) nannten. Dieser Sohn wurde im Jahre 1187 zum König Shunten ausgerufen und sollte der erste einer neuen und fähigen Linie von Herrschern über die Ryukyu – Inseln werden. Zunächst hatte er viele Rivalen, gegen die er sich in kriegerischen Auseinandersetzungen behaupten musste. Zur Verteidigung erbaute er mehrere befestigte Burgen, unter anderen das Schloss von Shuri. Schließlich aber etablierten sich drei hauptsächliche Provinzen, die voneinander unabhängig die Gunst und Anerkennung Chinas suchten.

Bild von Adligen
Ein Aji (grün) um 1800, gemeinfrei

Shunten starb 1237 im Alter von 71 und sein Sohn Shunbajunki (1237 – 1248) wurde neuer König. Er ist in Urasoe Yodore begraben und am Naminoue-Schrein zusammen mit drei anderen Ryukyuan-Königen begraben.

Meister Nagamine Shoshin spielt hier also auf eine vermeintlich glorreiche Zeit, vor dem japanischen Einfluss an.

Mit der Glocke des Friedens kommen wir schließlich in das 15. Jahrhundert. Im Jahre 1458 befahl König Sho Taikyu (1415-1461,尚泰久), einen buddhistischen Tempelgong zu entwerfen. Er wurde „Bankoku Shinryo-no Kane“ (万国津梁の鐘) genannt, was soviel wie „die Glocke der internationalen Brücke“ bedeutet. Sie ist aus Bronze gegossen, etwa 700 Kg schwer und beinahe 1,6m hoch.

Die Glocke hat eine Inschrift, die zusammenfassend etwa so lautet:

„Das Königreich Ryukyu ist ein herrlicher Ort in der Südsee, mit sehr engen Beziehungen zu den drei Nationen China, Korea und Japan; zwischen denen es sich befindet und der viel Bewunderung für diese Inseln zum Ausdruck bringt. Indem wir in diese verschiedene Länder mit dem Schiff reisen, bildet unser Königreich eine Brücke zwischen allen Völkern und füllt sein Land mit den kostbaren Gütern und Produkten dieser ausländischen Ländereien. Darüber hinaus emulieren die Herzen seiner Leute die tugendhafte Zivilisation von Japan und China.“

aus dem englischen übersetzt: Gunnar Zemke (eigene Übersetzung)

Foto der Glocke
Replik der Glocke im Shuri Burg-Schloss, gemeinfrei

Zu dem damaligen Zeitpunkt waren die wichtigsten Handelsware, die Okinawa exportierte: Schwefel, bestimmte Muscheln und Kriegsrosse. Später nannte man es das „goldene Zeitalter des Seehandels“ (etwa 1383-1609). Neben Japan, China und Korea waren ebenso Siam (heute Thailand) und Annam (heute Vietnam) Haupthandelspartner des Ryukyu Königreiches. Aber auch nach Java, Sumatra und Malakka gab es feste Handelsrouten.

Die fünf Körperteile schließlich, stehen für die fünf Tiere aus dem legendären Wuquan Jingyao (五拳精要). Dem Buch von der „Essenz der fünf Fäuste“. In ihm verteilen sich, unter Anderem, insgesamt 170 Aktionen mit folgenden Bewegungstypen:

Drache (竜) – Techniken zur geistigen Entwicklung (Mentaltraining).
Schlange (蛇) – Bildet die Atmung und das Chi aus.
Tiger (虎) – Techniken zur Stärkung von Knochen und Muskeln.
Leopard (豹) – Training von Schnelligkeit, Koordination und Ausdauer.
Kranich (鶴) – Training der Flexibilität und Ausbildung der Sehnen.

Es handelt sich hierbei um Anweisungen und Instruktionen für Kampfmönche des berühmten Shaolin – Klosters.

Fazit:

Meister Nagamine Shoshin hat hier ein wirklich brillantes Meisterwerk geschaffen. Für westliche Ohren mag es sich vielleicht zuerst wie ein altes Schlachtlied aus der Feudalzeit; oder der Militärdiktatur der 30er/40er anhören. Der Inhalt offenbart jedoch das tiefe Verständnis und die große Liebe zum Karate. Das Karate-Do Sanka, ist ein gelungener Versuch, einige der wichtigsten Aspekte von Okinawa Karate zu verkörpern.

Die Worte von Meister Kenei Mabuni (1918-2015) treffen es wohl am besten:

„ … symbolisch gesehen bedeutet das, seelisch eins mit Himmel und Erde zu werden. Das ist der Aspekt des shin in der Kampfkunst. Gäbe es nur diesen Aspekt, dann wäre das Budo vollkommen mit dem Zen identisch. Aber im Budo muß man im Zustand dieser seelischen Einheit mit der Welt den Körper (tai) bewegen und die Techniken (gi) entfalten, um so der Fähigkeit zum Kampf (bu) Ausdruck verleihen zu können. Wirken shin, gi und tai harmoinsch zusammen, kann man die göttlichen Techniken (kami waza) hervorbringen.“

Foto des Burg Schlosses
Innenhof des Shuri Burg Schlosses, gemeinfrei

ki o tsukete kudasai (気をつけて下さいいい)

 

 

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