Wir lernen Karate: Lesson I.

Heigo (兵語),

bedeutet soviel wie “Sprache der Kampfkünste” oder “militärische Sprache” (wörtlich – militärischer Fachausdruck) und ist ein neues Format in meinem Blog. Eine Art Unterricht in der Sprache – Karate.
Hier werden in unregelmäßigen Zeitabständen bekannte, so wie eher unbekanntere, Begriffe aus dem Budo neu übersetzt, erklärt und näher beleuchtet.
Können kommt nämlich ursprünglich von kennen.

Es ist eine von vielen ähnlichen Ausdrucksformen, innerhalb der japanischen Sprache. Genauer gesagt ist Heigo eine Form des speziellen Dialekts. Solche sehr speziellen Sprachformen entstanden über einen langen Zeitraum hinweg. Manche sind sehr alt, so wie der Dialekt, der noch heute im kaiserlichen Haushalt gesprochen wird. Andere, wie etwa der Slang heutiger Teenager, sind so neu und erfinderisch, dass sie sich schon wieder verändert haben, wenn man sie in den Duden mit aufnimmt.
Diese nur Eingeweihten verständliche Art zu sprechen, hat mit dem starken Gefühl der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe zu tun. Beim Militär und auch an den Universitäten, welche eine starke Tradition in den Kampfkünsten haben, benutzt man oft Heigo. Bei der Bundeswehr ist z.B. die „Dackelgarage“ nicht etwa Waldis kleine Unterkunft, sondern ein aus den zusammen geknöpften Zeltbahnen zweier Soldaten errichtetes Zelt.
An der Universität wird beim „Salamander reiben“ nicht etwa ein Tier gestreichelt. Es ist eine besonders feierliche Form des Zutrinkens, ein spezielles Ritual einer Studentenverbindung.

Für unser Karate gibt es innerhalb des Dojo mindestens genau so viele Fachausdrücke. Dies bringt eine Vielzahl von Vorteilen mit sich.
Eine klare Struktur von Kommandos ermöglicht erst ein effektives Training. Die vom Lehrer geforderte Übung bekommt eine klare Bezeichnung, die von dem Schüler verstanden und ausgeführt werden kann.
Und egal wo auf der Welt man sich befindet. Die Teilnahme am Unterricht ist, auf Grund der einheitlichen Fachsprache, unproblematisch.
Bei alledem muss man allerdings zwei Dinge auf jeden Fall beachten:

Erstens, dass die Worte des Heigo selbst für japanische Muttersprachler vollkommen unverständlich sind, solange diese über keinerlei Erfahrungen im Budo verfügen. Die Begriffe des Heigo sind nicht Bestandteil des normalen japanischen Vokabulars, und man darf nicht erwarten, dass Japaner wissen, worüber man eigentlich spricht, wenn man diese Begriffe verwendet.
Zweitens sollte man unbedingt darauf achten, in welchem Kontext gewisse Worte benutzt werden.

Heigo ist eine sehr besondere Form der Sprache, mit eigenen Regeln und Anwendungen. Wenn diese japanischen Wörter in deinem Dojo benutzt werden, richte dich nach den Anderen. Doch sei vorsichtig damit, deine Erfahrungen auf andere Dojo oder andere Budo – Disziplinen zu übertragen; oder gar auf Interaktionen mit japanischen Muttersprachlern.

Als Beispiel nehmen wir einmal den Fachausdruck gedan (下段). Für einen Karateka ist dies die untere Angriffs bzw. Verteidigungs Zone. Klar definiert mit dem Bereich: knapp unterhalb des Bauchnabel abwärts, bis einschließlich des Knies. Im Kendo gibt es diese Trefferzone aber überhaupt nicht. Dort hat es die Bedeutung einer niedrigen, gesenkten Position des Schwertes. Ein Japaner, ohne Erfahrung in irgend einer Budodisziplin, würde von der untersten Stufe (von mehreren), dem unterem Fach (eines Regals) oder dem untersten Bett (eines Doppelstockbettes) ausgehen.

Heigo steht aber nicht nur für die Übersetzung vom Japanischen ins Deutsche, sondern auch für die tiefere Bedeutung hinter den Begriffen.
Zudem können sehr schnell Missverständnisse durch falsche Lesung, Aussprache und Übersetzung entstehen. Die meisten Kanji haben in ihrer Übersetzung mehrere Bedeutungen und offenbaren häufig erst im Zusammenhang ihre wahre Aussage.

Die Aneignung von diesem Fachausdrücken hat also einen unverzichtbaren Wert im Studium der Kampfkünste. Der Fortgeschrittene sollte sich demzufolge intensiv mit Heigo beschäftigen.

Schultafel

ki o tsukete kudasai (気をつけて下さいいい)