Wir lernen Karate: Lesson II.

Bild einer Sangaku Tafel

Uke (受け)

Eines der allerersten Wörter die ein Karateka lernt. Zusammen mit den entsprechenden Basis Techniken wie Age Uke, Soto Uke, Uchi Uke und Shuto Uke, ist es das, womit sich der Schüler in der nächsten Zeit hauptsächlich beschäftigt. Erst lernen wir Uke, danach angreifen. Erst Uke, dann kontern.
Uke ist also wichtig und mit der Zeit lernen wir, was Uke noch alles sein kann. Nur eines ist es eben ganz und gar nicht. Ein Block. Leider hört und liest man dieses Unwort noch viel zu oft. Merke:
Im Karate gibt es keinen Block !

Uke wird vom Verb ukeru (受ける) abgeleitet, und heißt: abfangen, auffangen, bekommen, erhalten, bewahren, retten, annehmen, erleiden. Es kann aber auch mit: antworten, erwidern, begegnen oder parieren übersetzt werden. Es ist also in Wahrheit das Gegenteil von blockieren, sperren, verriegeln oder stoppen. So etwas gibt es in keiner Budodisziplin und entspricht auch in keinster Weise irgendeiner Ostasiatischen Philosophie oder Mentalität.
Woher diese, schon aus dem Japanischen in das Englische, falsche Übersetzungen kommen, werden wir später noch erfahren.
Das korrekte Wort burokkingu (ブロッキング), leitet sich übrigens tatsächlich von englischem blocking ab.

Das Kanji für Uke hat piktographische Ursprünge. Mit etwas Fantasie kann man zwei Hände erkennen. Eine die nach unten reicht, und eine die noch oben gestreckt wird. Dazwischen steht das Zeichen für Boot. Aus dieser „Beförderung von Waren von einer Person zu anderen“ wurde im Verlauf der Jahrhunderte das Kanji zur Bezeichnung der Tätigkeit: empfangen (Dave Lowry, siehe Verzeichnis Bibliografie).

Die Abwehrtechniken sind derart wichtig, dass sie in gewisser Weise das eigentliche Wesen des Karate ausmachen (Teruyuki Okazaki, siehe Verzeichnis Bibliografie). Die Anzahl der Armabwehrtechniken ist beispielsweise größer, als die der Stoß und Tritttechniken zusammen.
Um das zu erkennen, muss man allerdings einige Grundprinzipien des Karate verstehen.
Die Abwehr ist nämlich dann am wirkungsvollsten, wenn sie die Kraft des Gegners zum eigenen Vorteil ausnutzt. Deshalb darf man sich dieser Kraft nie widersetzen, sondern man muss versuchen, sie zu lenken. Man muss versuchen, den gegnerischen Angriff in seiner Anfangsphase abzuwehren. Dann ist die Kraft am geringst und die Abwehr am wirkungsvollsten. Es geht beim Abwehren also nicht darum, den Gegner zu stoppen, sondern die Kraft umzuleiten. Kraft gegen Kraft macht wenig Sinn. Die Angriffe werden zur Seite, aus dem Angriffsvektor heraus, abgelenkt.

Im Judo wird Uke deshalb auch als derjenige bezeichnet, der die Haupthandlung empfängt. Es ist gleichzeitig der Ausdruck für die Fallschule – Ukemi (受け身, empfangender Körper) der unzweifelhaft mit dem Wort Uke verwandt ist. Eine noch größere Rolle spielt das Prinzip des auffangen, annehmen und weiterleiten im Aikido. Dort ist es annähernd zur Vollkommenheit gebracht worden.
Aber nicht nur in Ost-Asiatischen Kampfkünsten ist dies alles schon seit Urzeiten bekannt. Ach in Europa kennt man es schon seit Jahrhunderten. Im Fechten z.B.
Dort, als Parade bekannt, heißt es in den offiziellen Statuten:

„Mit einer Parade wird eine unmittelbare Bedrohung des Gegners (Angriff)
abgewehrt. Dies kann man erreichen, indem man dem Angriff entweder mit
Sprung /Schritt zurück ausweicht, oder indem man die gegnerische Klinge mit der eigenen Klinge beseitigt.“ (Der Deutsche Fechter-Bund e.V.)

Hier fallen einem als guter Karateka gleich wieder die Worte des Gichin Funakoshi ein. „Stelle dir deine Hand und deinen Fuß als Schwert vor“.

Natürlich gibt es als Alternative zum aktiven Abwehren auch noch das Ausweichen. Dies wäre sogar allem Anderen vor zu ziehen. Merke:
„Beste Abwehr von Schlag: Nicht da sein“ (Mr. Miyagi, Karate Kid II). Dies ist aus Zeitmangel nicht immer möglich, so dass man in der Praxis meist einen Kompromiss aus Ausweich- und Abwehrbewegung machen muss.
Wir können hart und wir können weich abwehren. Je nachdem bringen wir dadurch den Gegner nur aus seiner Balance oder fügen ihm Schmerzen zu. In jedem Fall wird das Ki (気, Wille, Lebenskraft, Gemüt u.v.m.) meines Gegenübers gestört.
Uke kann also durchaus auch Angriff sein. Das dies so ist, lernt man schon mit der aller ersten Kata. In der Heian Shodan bzw. Pinan Nidan gibt es die Frequenz des dreimaligen Vorgehens mit, vermeintlich, Age Uke. Ein Soto Uke, etwas anders ausgeführt, wird ebenso schnell zum harten Angriff. Oder ist es noch eine Abwehr ?
Weiterhin sind praktisch sämtliche Abwehrtechniken, wie beispielsweise Juji Uke oder Morote Uke, gleichzeitig zum Greifen gedacht. Somit also zum ziehen, verdrehen oder festhalten. Natürlich auch um spezielle Druckpunkte negativ zu stimulieren oder Hebel etc. an zu setzen. In jeden Fall zur Kontrolle des Gegners.
In diesem Licht betrachtet, verschwimmen die Linien zwischen Angriff und Abwehr; weil es natürlich beides ist. Und beides wiederum auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Wir sehen also – je nach Intention kann aus einer scheinbaren Abwehr ein echter, unter Umständen entscheidender Angriff werden.

Auf den weiteren Weg eines Kampfkunstexperten kommt eventuell der Punkt, wo die eben beschriebenen Uke nicht mehr ausschließlich auf physischer Ebene stattfinden. Mit Ki werden, auf mentaler Ebne, ebenso Kämpfe ausgetragen. „Kämpfen ohne zu kämpfen“ ist hier buchstäblich zur höchsten Vollendung geworden. Einzig mit meiner überlegenen Ausstrahlung, meinem visuell gewordenen Willen kann ich einen Angriff gar nicht erst stattfinden lassen. Die Ausstrahlung kommt dabei zum Teil durch Vertrauen und Sicherheit in meine eigene Technik. Mentale Stärke kennt man natürlich auch im Schwertkampf oder dem Boxen. Die Dimensionen sind zahlreich und liegen tief. Dies würde hier im Detail aber zu weit gehen und längst nicht jeder Budoka kommt auf seinem Do wirklich so weit. Es soll hier nur der Vollständigkeit halber erwähnt sein; und wird eventuell an anderer Stelle, genauer beleuchtet werden.

Bleibt nur noch die Frage zu klären, warum schon die alten, englischen Texte nicht ganz korrekt sind. Das Problem:
Bereits in den englischen Versionen von japanischen Texten, finden sich mangelhafte Übersetzungen oder Textglättungen wieder. Mit unter sind die Übersetzungen auch schlichtweg falsch. Diese Probleme werden danach auch in die deutsche Version übernommen und in der Folge als Wahrheiten über das Karate verbreitet. Wiederholung, auch über Jahrzehnte hinweg, macht eine falsche Aussage aber nicht wahrer. Andersherum eine wahre jedoch nicht falscher.
Um komplexe Themen bzw. Fachbegriffe zu erläutern und richtig wieder zu geben, bedarf es eben mehr als nur eine Eins zu Eins Übersetzung. Kulturelle Eigenheiten spielen dabei eben so eine Rolle, wie Geschichtliche Hintergründe.
Zu unserem speziellen Fall habe ich eine Theorie entwickelt.

In Europa denkt man bei altertümlichen Kämpfen, gerade im Zusammenhang mit blocken, immer sofort an einen Schild. Der Kampf mit Waffe und Schild ist in unserer Kultur nicht nur naheliegend, sondern reicht auch weit zurück; bis in die Zeit der alten Griechen. Das aus Sparta stammende Sprichwort:
„Kehre mit oder auf (also tot) deinem Schild (aus dem Krieg) zurück“, unterstreicht hier schon die große Bedeutung des Schildes in den Kriegskünsten.
Später perfektionierten die Römer den Umgang mit dem Scutum (Tumschild) und machten es zur Standartwaffe ihrer Armee. Noch ein wenig später war im 11. und 12. Jahrhundert das Normannenschild, oder auch Drachenschild, der dominierende Schildtyp in Europa. Egal ob Speer, Axt oder Schwert.
Ein Schild macht aus einem guten Kämpfer, einen sehr guten Kämpfer !

In Japan war diese Art und Weise zu kämpfen gänzlich unbekannt. Die Krieger benutzen keinerlei Schilde. Einzig die extrem großen Schulter-Schützer (袖,Sode) an den Samurai Rüstungen, ersetzten die Funktion eines Schildes. Da der Bogen die Hauptwaffe der Samurai war, mussten die Krieger beide Hände frei haben. Gleiches galt für Speer (鎗, Yari) , Hellebarde (薙刀, Naginata) oder Langschwert (太刀, Tachi).
Von daher ist es nicht sehr verwunderlich, wenn ein Europäer Uke großzügig mit dem Wort blockieren auslegt.

Bild einer Schultafel

ki o tsukete kudasai (気をつけて下さいいい)

Advertisements