Des Meisters ganz besonderer Stein

Foto von Büchern

„Einen wirklich großen Mann erkennt man an drei Dingen: Großzügigkeit im Entwurf, Menschlichkeit in der Ausführung und Mäßigkeit (Zurückhaltung, Kardinaltugend in der Moderne) beim Erfolg.“

Otto E.L. von Bismarck (1815-1898)

Mit diesem Zitat eines großen, deutschen Staatsmannes möchte ich heute einen Meister vorstellen, der alle drei dieser Kriterien erfüllt. Er ist deshalb in der Tat ein wirklich großer Mann, obwohl er selbst nicht größer als 160 cm misst. Dieses eine Projekt von ihm, bei dem es um einen ganz besonderen Stein geht, soll dabei nur ein Beispiel von sehr vielen sein und gleichzeitig ein wenig zur frühen Geschichte der JKA beitragen. Die Rede ist von niemand anderem als von Sensei Hideo Ochi.

Ochi hatte 2004 die Idee eine Erinnerungsstätte, für die im Ausland gestorbenen JKA – Instruktoren, zu errichten. Er kaufte deshalb einen Platz auf dem Friedhof des Hozoji Tempel und ließ einen großen schwarzen Gedenkstein aufstellen.
Der Tempel befindet sich in Tokyo. (1-1-6 Wakaba, Shinjuku 160-0011, Präfektur Tokyo). Er wird von Iida Norihiko betreut. Iida Sensei ist von Beruf buddhistischer Mönch, aber gleichzeitig auch JKA Instruktor (8.Dan). Es befindet sich daher auch ein kleines Dojo auf dem Tempelgelände; wo neben Shotokan Karate auch Kendo gelehrt wird. Er ist verheiratet, Vater zweier Söhne und durchlief 1967 den Instructorkurs. Er war auf den Meisterschaften der JKA ein sehr erfolgreicher Kämpfer.

Foto des Gedenksteines von hinten
Gedenkstein im Hozoji-Tempel, (Rückseite)

Auf der Rückseite des Gedenksteins ist der Text des Liedes der Takudai Universität eingelassen. Akiko Nakayama, die Witwe des früheren JKA Chief-Instructors und Kaligraphilehrerin, hat es auf Ochi´s Bitte hin geschrieben. Von ihr stammt auch das Kanji auf der Vorderseite. (空- Ku; Vergänglichkeit oder Leere im buddh. Sinn). Es kann aber auch Sora (Himmel) gelesen werden.
Seitlich vom Stein ist eine, ebenfalls schwarze, Gedenktafel angebracht. Auf dieser werden alle Namen der im Ausland gestorbenen Karatelehrer eingemeißelt und ein Teil der Asche der Verstorbenen wird hier in einer Urne beigesetzt.
(Fritz Wendland; siehe Verzeichnis Bibliografie)
Die Gedenktafel trägt die Überschrift:中山宛一門下外海指導員物故者之碑, was in etwa „Gedenkstein für verstorbene Instruktoren im Ausland, welche der Schule von Nakayama Sensei angehörten“ bedeutet. Elf Namen sind bis jetzt eingemeißelt.
(Stand 2017):

Keinosuke-Enoeda,       (1935-2003) – England
Satoshi-Miyazaki,         (1938-1993)  – Belgien
Yoshi-Shimohara,         (1943-2005) – Belgien
Taiji-Kase,                      (1929-2004) – Frankreich
Hidetaka-Nishiyama,   (1928-2008) – USA
Michihisa-Itaya,            (1941-1973)  – Argentinien
Kenshioro-Mayima,      (1940-1971)  – Mexiko
Okamoto Hideki,            (1941-2009) – Ägypten
Juichi-Sagara,                (1934-2001)  – Brasilien
Yasuyuki-Fujinaga,       (1944-1995)  – Österreich
Kasajima Keiichi,          (1948-2017)  – Luxemburg

Foto des Gedenksteines von vorne
Erinnerungsstätte, (Stein & Gedenktafel)

Mit den meisten hier genannten Karate-Großmeistern war Ochi befreundet oder zumindest gut bekannt. Enoeda und Kase waren in der Instructor – Class zeitweise seine Lehrer. Diese Männer und die Universität sind Teil seines Lebens.

Um zu verstehen welch enorme Bedeutung diese Hochschule für die JKA noch bis heute hat, sehen wir uns die Akademie etwas genauer an.

 

Takushoku-Universität (拓殖大学) kurz: Takudai (拓大)
Sie wurde 1900 hauptsächlich zu dem Zweck gegründet, Menschen für administrative Posten im Ausland auszubilden. Takushoku bedeutet so viel wie:
“Kultivierung und Kolonialisierung.“
Es lohnt sich in diesem Zusammenhang einen kurzen Blick auf die japanische Geschichte zur Zeit des Imperialismus zu werfen. 1895 gelang Japan ein Sieg über China. Vier Jahre später gelingt ein weiterer Sieg im Russisch-Japanischen Krieg. Bereits vor 1880 wurde Okinawa, sowie einige kleinere Inseln rund um Japan, annektiert. Im Zuge dieser Expansionspolitik kommen Taiwan, Korea und beträchtliche Teile von China unter Japans Herrschaft.

Die Takudai war eine der ersten an der Karate unterrichtet wurde. Gichin Funakoshi begann bereits 1927 an der Uni sein Shotokan zu lehren.
Sie hat sechs Fakultäten. Und zwar für Handelswissenschaft, Politik- und Wirtschaftswissenschaften, Fremdsprachenwissenschaft, Ingenieurwissenschaften und für Internationale Studien.
Ochi besuchte die Takudai von 1958-1962 und schloss sie mit einem Diplom in BWL ab. Um 1960 waren es rund 2000 rein männliche Studenten. Heute sind es etwa 12500; natürlich auch weibliche. Unter den Absolventen der Vergangenheit sind, unter anderem:
Asai, Oyama, Enoeda, Kanazawa, Okazaki, Kawasoe, Nakayama, Higaonna und Nishiyama. Um nur die bekanntesten zu nennen. Außer Ochi studierten hier praktisch alle JKA – Instruktoren. Dies hat natürlich einen Grund.
Das Motto der Takudai lautet:

„Nulla gentium differentia colore, Nullaque terrarum limes nobis est“
(Die Hautfarbe und den nationalen Grenzen eines Menschen begegnen wir ohne Vorurteil)

Die Uni legte also von Beginn an großen Wert auf die Weltoffenheit ihrer Studenten. Ideale Voraussetzungen also, für zukünftige Botschafter japanischer Kampfkunst in aller Welt.
Nakayama Masatoshi übernahm nach dem Krieg die Leitung des Karate Clubs an der Takudai. Er gründete die JKA und rekrutierte praktische alle Instructoren von hier. 1955 entstand das erste kommerzielle Dojo. Hier entstand auch das Konzept des heutigen Wettkampf Karates sowie sämtliche Trainingsmethoden, die bis heute angewandt werden.
Heute ist Tsuyama Katsunori Hauptlehrer im berühmten Takudai-Karate-Do und
Tatsuya Naka Cheftrainer. Takuya Taniyama ist Jugendtrainer. Sie alle waren schon das Ein oder Andere Mal, auf dem vom DJKB ausgerichteten Gasshuku, auch in Deutschland zu erleben.
Wie ausgesprochen hart und spartanisch das Leben an der Takudai in den 60er Jahren war, kann man sehr gut an Hand eines Berichtes aus dem Jahre 2009 von Shunji Miwa nachlesen. Das stark hierarchisch geprägte System der Studenten, welche sich dem Karate-Do verschrieben hatten, nahm geradezu feudalistische Züge an. Beispielsweise saß am Tisch der Erstsemester der Captain aus dem vierten Semester. Erst wenn er die Essstäbchen aufnahm, durften die Anderen auch mit der Mahlzeit beginnen. Wenn er sie hinlegte, war das Essen beendet, egal ob alle Anderen satt waren oder nicht.
Auch durfte man den älteren Semestern nicht direkt in die Augen sehen.
Was das Leben im Wohnheim anging, waren normalerweise acht Studenten in einem Raum mit sechs Tatami untergebracht. Nur der Senpai (先輩; Assistent des Lehrers) hatte eine ganze für sich alleine und nur er durfte den einzigen schmalen Tisch im Raum zum arbeiten benutzen.
Des weiteren war es eine beliebte Strafe, die Semester unter einem volle drei Stunden knien zu lassen. Wer sich bewegte, wurde zusätzlich hart geschlagen.
Von einem Karate-Jahrgang waren am Ende des vierten Jahres von ursprünglich 120 Anfängern insgesamt nur etwa 10 übrig geblieben.
(Fritz Wendland; siehe Verzeichnis Bibliografie)

Die Verhältnisse besserten sich mit den Jahren, aber immer wieder gab es Schwerverletzte – in seltenen Fällen sogar mit Todesfolge.
Den letzten schweren Schlag hatte die Takudai 1986 zu verkraften. Ein Senpai hatte im Training einen Kohai (後輩;jüngerer Schüler) durch einen Fußstoß in den Bauch getötet. Daraufhin wurde Karate als offizieller Uni-Sport an der Takudai abgeschafft und keine Mannschaften mehr zu den All-Japanischen Hochschulmeisterschaften zugelassen. Erst im Jahre 2007 wurde Karate wieder als offizieller Sport der Takudai zugelassen.

Foto von Takudai Karateka
Athleten der Takudai mit typischen Universitäts-Abzeichen

Fazit:

All die diese Zu und Umstände prägten Meister Ochi und machten ihn zu dem was er heute ist. Dabei hatte er sich damals nie an den Schikanen beteiligt. Ganz im Gegenteil. Er versuchte die Strukturen aufzubrechen und immer seine Schüler zu schützen. Damit handelte er sich viel Ärger und Schwierigkeiten ein.

ki o tsukete kudasai (気をつけて下さいいい)

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