Von altem Brauchtum und dem Ende des Neujahrsfestes

Foto von Kagami-Biraki

Der Jahreswechsel markiert in der japanischen Kultur das Ende des Alten und den Beginn eines neuen Lebensabschnitts. Seit 1873 folgt Japan dem Gregorianischen Kalender und der Neujahrstag wurde auf den 1. Januar festgelegt.
Überall im Land finden Feierlichkeiten statt, die je nach Region etwas verschieden sein können. Selbst von Familie zu Familie gibt es unterschiedliche Rituale. Allen gemeinsam sind in jedem Fall die Kagami-Mochi (鏡餅; flacher, Doppel-Reiskuchen).
Zum Neujahr sind praktisch sämtliche Kamidana (神棚, Shinto Haus-Schrein) und Tokonoma (床の間; Zimmernische) mit ihnen übersät. Erst am 11.Januar, zu Beginn eines besonderen Festes, enden die Feierlichkeiten und man kehrt wieder zurück zur Normalität.
Dieses besondere Fest heißt Kagami-Biraki (鏡開き; wörtlich: öffnen des Spiegels); und wird in Japan immer noch von vielen Familien praktiziert. Das Verteilen der Kagami-Mochi ist Bestandteile dieser Feierlichkeiten. Man glaubt, dass man mit den Speisen und Getränken, die vorher den Kami (神; Götter / Geister) dargeboten wurden, auch etwas Göttliches in sich aufnimmt.
Früher durften die Kagami-Mochi tatsächlich erst am 11. Januar gegessen werden. Da die Wohnungen heute beheizt sind und auch sonst keiner Lust auf zehn Tage alten Reiskuchen hat, gibt es mittlerweile Kagami-Mochi aus Plastik. Die frischen werden dann aber nicht geschnitten, da dies für das Durchtrennen des Familienbundes steht. Man zerbricht sie stattdessen mit den Händen oder mit einem Hammer und kann sie zum Beispiel braten, rösten oder zahlreiche leckere Suppen damit kochen. Es gibt sogar neuerdings Mochi-Pizza.

Foto von Kagami-Mochi
Typischer Kagami-Mochi; während der Neujahrszeit.

Auch zu anderen Ereignissen wie Hochzeiten, Jubiläen etc. wird Kagami-Biraki zelebriert. Es ist immer ein Zeichen für Erneuerung oder Neuanfang. Kagami-Biraki ist jedoch keine shintoistische Zeremonie oder Tradition. Es könnte am besten als traditionelle Gepflogenheiten definiert werden.

Mochi werden in Japan übrigens das ganze Jahr über gegessen. Ein Kilo Mochi soll der Durchschnittsjapaner laut den offiziellen Quellen im Jahr verspeisen. Hierbei handelt es sich allerdings um eine andere Variante von Mochi. Sie sind viel kleiner und weicher; nahezu klebrig. Auch im Ausland kann der echte Japaner nur sehr schwer ohne seine Mochi „überleben“. Zum Glück gibt es sie auch hierzulande in Fachgeschäften zu kaufen. Der Verzehr ist allerdings nicht ungefährlich. Jedes Jahr kommt es zu Dutzenden Unfällen mit Erstickungsanfällen; etliche Male sogar mit Todesfolge. Mit neun Todesopfer gab es 2015 einen Höchstwert. Besonders betroffen sind ältere Menschen oder Kinder, die Schwierigkeiten haben, die klebrigen Köstlichkeiten zu schlucken. Deshalb steht zum Jahreswechsel, an dem die meisten klebrigen Mochi gegessen werden, nicht selten ein Staubsauger bereit; mit dem die verschluckten Mochi wieder aus der Luftröhre gesaugt werden sollen. So wurde 2001 tatsächlich einem 70-jährigen Japaner, von seiner Tochter, das Leben gerettet. Experten empfehlen diese Methode allerdings nicht.

Foto von Mochi
Mochi, wie es sie das ganze Jahr über zu kaufen gibt.

Man kann sich gut vorstellen, dass bei noch so vielen Kagami-Mochi so ein Stückchen Reiskuchen auf einer größeren Feier nicht für alle Gäste reicht. Die Lösung: Sake. Ebenso aus Reis hergestellt, lässt er sich deshalb gleichfalls Daikoku (大黒; Gott des Wohlstandes und der Landwirtschaft) hervorragend weihen. Die dabei durchgeführte Sakezeremonie sieht fast überall folgendermaßen aus:

Der Holzdeckel von einem traditionellen Sakefass (Kagami) wird während der Sakezeremonie geöffnet (biraki). Dazu wird der Deckel mit einem oder mehreren Holzhämmern zerbrochen. Das Öffnen gibt die spiegelnde Oberfläche des Sake frei, die kein Ende erkennen lässt. Dieses Bild steht symbolisch für eine Zukunft im Überfluss. Nachdem das Sakefass geöffnet wurde, wird der Inhalt mit einer Schöpfkelle aus Bambus in die sogenannten Sake-Masu (枡; hier:viereckiges, hölzernes Hohlmaß) gefüllt.

Foto eines Masu-Bechers
Masu-Becher

1669 vereinheitlichte das Shogunat für ganz Japan das Messsystem für Schüttgüter, wie z.B. Reis, und legte die Größe der aus dem Holz der japanischen Scheinzypresse gefertigten Messbehälter fest. Ein Masu ist also keine Maßeinheit, sondern ein geeichtes Gefäß, das viele verschiedene Größen haben kann, die aber alle ein Vielfaches von einem go (180ml) sind.
Traditionell werden die Masu gefüllt, bis sie überlaufen. Mehr Sake kann man dem Gast nicht in diesem Gefäß darreichen (Zukunft im Überfluss). Deshalb werden sie meist auf eine Untertasse gestellt, die den überschwappenden Reiswein auffängt, und die der Gast nach dem Leeren des Masu aus schlürfen darf.

Die Sake-Fässer (Taru樽) selber, werden übrigens aus dem Holz der Sicheltanne (杉; Sugi) hergestellt und mit Reisstrohmatten und Seilen umwickelt. Die Standardgrößen sind 18 Liter, 36 Liter und 72 Liter. Der darin gelagerter Sake nimmt das Aroma des Holzes auf. Solchen Sake nennt man Taru-Sake.

Während der Zeremonie tragen die Akteure immer traditionelle Baumwolljacken. Die Happi (法被; Kittel). Happi gab es bereits während der Edo-Zeit (1603-1868); dort wurden sie vor allem von Bediensteten in reichen Familien, der Feuerwehr oder Angestellten größerer Geschäfte getragen. Meist mit den Wappen der Familie, dem Namen der Feuerwehreinheit oder dem Namen des Geschäftsinhabers verziert, waren sie traditionell in Indigo oder bräunlichen Farbtönen gehalten. Heute finden sich jedoch auch viele andere Farben, wobei besonders Rot und Schwarz verbreitet sind. Happi sieht man aber auch bei Fans japanischer Sportmannschaften oder bei Sushiköchen.

Angestoßen wird in Japan mit einem fröhlichen „KANPAI !“ (乾杯; Leeren des Trinkbechers); was dem deutschen „Prost“ oder dem englischen „Cheers“ entspricht. In China ist man da etwas rustikaler. Dort heißt es: „Ganbai“ (干杯; auf ex austrinken). Niemals sollte man allerdings das italienische „Chin Chin“ benutzen. Das hat in Japan eine ganz andere Bedeutung (ちんちん; Pimmel, Penis).

Ebenfalls wichtig ist die genaue Aussprache. Aus Kanpai darf auf keinem Fall ein KENPAI (献杯) werden. Das Wort Kenpai wird normalerweise nur bei Beerdigungen und Trauerfeiern verwendet; um mit Respekt für die Verstorbenen anzustoßen. Wenn du also jemals eine japanische Trauerfeier besuchen solltest, hebe einfach dein Glas und sage „KENPAI !“, ohne zu klirren.

Zum Thema Anstoßen, und vor allem deren Ursprung, gibt es so viele Legenden wie es Trinkrituale gibt. Hier meine drei Favoriten:

Der Brauch stammt aus dem Mittelalter. Damals sorgten sich vor allem Herrscher, dass ihr Tischpartner sie mit Gift im Getränk vergiften könnte. Das kräftige Anstoßen sollte dafür sorgen, dass ein Schluck in den Becher des Anderen überschwappte. Trank dieser trotzdem, deutete dies darauf hin, dass mit dem Getränk alles in Ordnung war.

Eine weitere Theorie besagt, dass die Tradition auf das 16. Jahrhundert zurückgeht. Als Zeichen von Wohlstand galt, jedem Gast ein eigenes Glas anbieten zu können. Dies wurde dann durch geräuschvolles Anstoßen demonstriert.

Es handelt sich um einen spirituellen Brauch aus alter Zeit. Damals sollte das Klirren der Gläser böse Geister und Dämonen vertreiben.

Zum Kagami-Biraki gibt es natürlich auch eine sehr schöne Legende. Sie geht auf das 18te Jahrhundert zurück.

Der damalige Tokugawa Fürst versammelte vor einer Schlacht seine Generale um sich, und ließ ein Fass Sake aufbrechen; dass sie gemeinsam tranken.
Damit sollte Einigkeit und gemeinsamer Kampfgeist beschworen werden.
Die Schlacht verlief siegreich; von dort an war eine neue Zeremonie geboren.
Wie dem auch sei, Tatsache bleibt – Jigoro Kano (1860-1938; Gründer des Judo) übernahm als erster diese vermeintlich alte Samurai-Tradition, und führte sie im Jahr 1884 an seinem Kodokan ein.
Seitdem wird es aber auch in anderen japanischen Dojo wie Aikido, Karate und Jiu-Jitsu als offizieller Start in das neue Jahr gefeiert.

Foto von Sake-Fässern
Sake-Fässer werden oft, z.B. vor Tempeln, gestapelt.

Das kollektive Trinken Nomikai (飲み会; Umtrunk, Trinkgelage) hat in Japan einen hohen Stellenwert. Besonders in der Geschäftswelt spielt das, hierzulande lapidar als „betreutes Trinken“ bezeichnete, organisierte Zechen eine große Rolle. Nomu (飲む) bedeutet Trinken und Kai (会) heißt Zusammenkunft. Nomikai sind Feiern vor allem unter Arbeitskollegen aber auch Freizeit-/Sport-Gruppen oder Freunden, bei denen unter anderem viel getrunken wird.

Oft wird dafür ein Raum in einer Izakaya (居酒屋, japanische Bar), bei großen Feiern ist es meist in einem Hotel, reserviert. Die Party kann aber auch in den eigenen Geschäftsräumen oder privat stattfinden. Die Teilnahme ist nicht verpflichtend, aber wird erwartet, da in der japanischen Gesellschaft der Gemeinschaftssinn eine wichtige Rolle spielt. Nicht umsonst wird in Japan für Vergnügen mit Kollegen mehr Geld ausgegeben als für die nationale Verteidigung. Für den Business-Alltag sind diese feierabendlichen Aktivitäten beinahe so wichtig wie die Arbeit selbst.

Gründe zum zechen gibt es genügend. Die Fertigstellung eines wichtigen Projektes etwa, das Erreichen eines festgesetzten Zieles, einen Jahrestag oder Schulsportereignisse. Der Einstand oder die Pensionierung von Kollegen, Jubiläen und, und, und. Manche Firmen veranstalten fast jeden Monat Nomikai. Dabei ist jeweils mindestens ein Kanji (幹事; hier:Organisator) für die Vorbereitung zuständig.
Nomikai ist also kein spontaner Feierabendspaß, sondern ein festes Ritual im japanischen Arbeitskosmos.

In Japan ist Alkoholismus übrigens nicht als Krankheit anerkannt. Im Gegenteil. Viele führende Politiker trinken selber gern, regeln dabei wichtige Angelegenheiten und loben öffentlich jene, die viel vertragen. So wurde z.B. ein ehemaliger Präsident eines großen Unternehmerverbandes auf seinem Grabstein mit der Inschrift:„Er war ein begnadeter Trinker“ geehrt.

Neben einer Auswahl verschiedener Speisen, spielen Bier und Sake in der Form von Nomihodai (飲み放題, all-you-can-drink) eine große Rolle. Natürlich gibt es auch alkoholfreie Getränke und niemand wird zum Alkoholkonsum gezwungen. In der Regel zahlen alle Teilnehmer den gleichen Betrag, sofern die Feier nicht von der Firma gesponsert wird.

Der Zeitrahmen ist meist auf zwei bis drei Stunden festgelegt und der Ablauf folgt bestimmten Regeln. Zu Beginn wird eine Ansprache gehalten, gefolgt von einem Trinkspruch und natürlich ein „Kanpai !“, womit die Party offiziell eröffnet ist. Der Rest läuft meistens sehr locker und informell ab. Beendet wird die Party mit einem letzten Kanpai oder einem rituellen gemeinsamen Klatschen; ein oder drei mal. Manchmal gehen kleinere Gruppen der Teilnehmer danach noch zum weiteren Feiern in eine oder mehrere andere Kneipen, Karaoke-Bars oder Nachtclubs, das nennt man Nijikai (二次会 , Nachfeier).

Foto Gasse in Japan
Typische Gasse mit vielen Bars.

Während der Party gibt es bestimmte Verhaltensregeln. Pünktliches Erscheinen vor dem Vorgesetzten ist obligatorisch. Getränke schenkt man sich nicht selbst, sondern gegenseitig ein. Dabei füllt der jüngere oder rangniedrigere dem älteren oder höher gestellten zuerst das Glas, die Frau zuerst dem Mann, und dann umgekehrt. Wann immer einem vom Vorgesetzten eingeschenkt wird, muss man aus Höflichkeit sein Glas in einem Zug leeren. Während der Trinkfeier wird sich automatisch immer weiter gegenseitig nach geschenkt. Es sei denn, das Glas wird halb voll gelassen – das Zeichen, dass man genug getrunken hat und nichts mehr nach geschenkt bekommen möchte.

Mit zunehmendem Alkoholkonsum werden die Teilnehmer enthemmter. Die sonst so strenge Etikette darf bewusst vernachlässigt werden, das nennt man Bureiko (無礼講). So wird manchmal über Details aus dem Privatleben erzählt, man kann dem Vorgesetzten gegenüber mal kritische Anmerkungen machen oder ausgefallene Vorschläge unterbreiten. Es kann auch zu Auseinandersetzungen unter Kollegen kommen. In der sonst so strengen japanischen Kultur wird das als wichtiges Mittel zum Ausgleich gesehen. Grundsätzlich gilt, am nächsten Tag ist alles vergessen und man geht zur Tagesordnung über.

ki o tsukete kudasai (気をつけて下さいいい)

Foto von Sake-Flaschen
Eine kleine Auswahl ganz unterschiedlicher Sake-Spezialitäten.
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