Von Kriegsgöttern, Drachen und vollkommener Harmonie

Wenn man in Japan unterwegs ist, oder sich generell schon mal mit der Asiatischen Kultur beschäftigt hat, stößt man früher oder später auf ein Symbol.
Das Muster besteht aus drei Figuren, die wie Wirbel, Tropfen oder große Kommata aussehen und tomoe (巴) genannten werden. Diese Muster können in zwei verschiedenen Richtungen zu einem Strudel angeordnet werden und tauchen immer wieder in mehreren Religionen, z.B. Shintoismus, Buddhismus oder Hinduismus, auf.
Sein Ursprung liegt in China und steht im Zusammenhang mit dem Glauben an eine Drachengottheit.

Diese, so heißt es, rufe Wasser herbei und wird deshalb immer noch als Schutz vor Blitzeinschlag und Feuer auf Dachziegeln traditioneller Gebäude verwendet. Der Ryujin (竜神, Drachengott) wird insbesondere von den Fischern als Meeresgott verehrt. Er symbolisiert die Kraft des Meeres und herrscht sogar über den Regen.
Eine starke Verehrung erfährt er dadurch naturgemäß auch von den Bauern.
Wasser und Drachen bilden folglich eine assoziative Einheit. Daher auch die häufigen Drachenfiguren bei den temizuya (手水舎, Waschstellen) am Eingang von Tempeln.Bild von Dachziegeln

Der Ryujin selbst erscheint angeblich meist in Drachengestalt; kann jedoch auch die Form eines Menschen annehmen. Der Sage nach lebt er in seinem Palast Ryugu-jo (竜宮城), welcher aus roten und weißen Korallen gebaut worden soll. Hier kontrolliert er dann mithilfe von Gezeitenjuwelen Ebbe und Flut. Seine Tochter ist die Göttin Otohime, deren Enkel später die ersten Kaiser Japans wurden; wie man behauptet.
In einem Text aus der Kamakura Periode (1192–1333 n.Chr.) heißt es:
Die Kaiserin Jingu, nutzte Ryujins Gezeitenjuwelen, um Korea zu erobern. Zuerst setzte sie Kanju (干珠), das Ebbe-Juwel, ein um die koreanische Flotte stranden zu lassen. Nachdem die koreanischen Soldaten die Schiffe verlassen hatten, nutzte sie das Flut-Juwel Manju (満珠), um diese zu ertränken.
Übrigens: Rechtsherum drehende (im Uhrzeigersinn) Muster sind für Menschen; also für allem weltlichen Gebrauch gedacht.
Linksherum drehende sind für Kami; demnach dienen sie ausschließlich heiligen Zwecken.

In Land der aufgehenden Sonne steht allerdings noch ein anderer Name im Zusammenhang mit dem tomoe. Der Shinto Kriegsgott Hachiman (八幡).

Dieser mächtige Kami, wird in Japan als Kriegsgottheit und Ahnengottheit verehrt. Auch als Gott der Bogenschützen ist er bekannt. Dabei findet man ihn sowohl im Shintoismus, als auch im japanischen Buddhismus. Genauso wie viele andere Kami ist er somit ein Paradebeispiel für die Überschneidung der beiden Religionen.
Der Name Hachiman stammt höchst wahrscheinlich von den acht Bannerscharen (幡). In alter Zeit benutze sie das chinesische Militär um seine Truppen in kleinere Einheiten, den vier bzw. acht Himmelrichtungen nach, einzuteilen.
Im Jahre 781 erhielt Hachiman vom kaiserlichen Hof in Kyoto offiziell den Titel „Gokoku reigen iriki jintsu daibosatsu“ (護国霊験威力神通大菩薩) verliehen. Was so viel bedeutet wie „Der, der das Land beschützt“. Seit dieser Zeit wird er zumeist als buddhistischer Mönch dargestellt und ist auch heutzutage immer noch in etwa in der Hälfte der 90.000 registrierten Schreine Japans eine hoch verehrte Gottheit.

Zwischen dem 11. und 12. Jahrhundert wurde Hachiman zum Clan-Kami der mächtigen Minamoto-Familie (源). In der darauffolgenden Zeit entwickelte er sich dann nach und nach zum Schutzpatron des gesamten Kriegerstandes im japanischen Mittelalter.
Da verwundert es nicht, das das tomoe immer wieder auf Rüstungsteilen und Waffen auftaucht. Genau wie die Krieger des europäischen Mittelalters, taten es ihre entsprechenden Gegenstücke am anderen Ende der Welt gleich. Helme, Brustpanzer, Zaumzeug und Schwerter wurden mit dem Symbol geschmückt. Bei den Samurai selbstverständlich besonders Köcher und Armschutz; da Pfeil und Bogen ihre Primärwaffe war.Foto von Taira Shinken Mehr über Wappen findet ihr in einem Artikel von mir hier: (Link Die Chrysantheme)

Aber auch andere tollkühne Kämpfer erkoren Hachiman zu ihrem speziellen Schutzgott. So wurde das Zeichen nachweislich von den wako (倭寇; jap. Piraten) verwendet. Diese Gruppe von Seeräubern startetet bereits im 13. Jahrhundert regelmäßig Raubzüge an die Koreanischen Küste. Ihre Operationsbasen waren in den davor gelagerten Inseln Iki, Tsushima und die Region um Kyushu. Im 15. Jahrhundert vergrößerte sich die Reichweite ihrer Raubzüge und ihres Handelsverkehrs soweit, bis sie schließlich die südöstlichen Küsten Chinas umfasste.
Zu diesem Zeitpunkt konnte man bereits von einer mächtigen und gut organisierten Seemacht sprechen. Die wako entwickelten sich von anfänglich kleinen Gruppen die überwiegend aus Schmugglern und Plünderern bestanden, zu wahren Fürsten und Herrschern der See. Mit viel Macht und Einfluss auf die umliegenden Königreiche. Gerade die Herrschenden Japans wurden mit der Zeit immer mehr von den Piraten abhängig. Deren Dienstleistungen hatten sich mittlerweile zu Eskort, Verwaltung und Transport ausgeweitet. Besonders bei Schlachten war die Abhängigkeit dem Nicht-Vorhandensein einer Marine geschuldet.

Möglicherweise durch Vermittlung der wako wurden sowohl Hachiman als auch das tomoe Symbol im Inselreich Ryukyu, heute Okinawa, bekannt und vom dortigen Königshaus (Sho-Dynastie; 1421-1879) übernommen.
In immer wieder abgewandelter Form waren die Wirbel jedenfalls bis zum Schluss im Staatswappen zu sehen. Erinnerten sie nicht zuletzt an die drei zerstrittenen Königreiche, aus denen sie einst hervorgingen.Bild der alten Ryukyu Flagge

Abschließend sei noch erwähnt, das selbst der weltbekannte Meister Jigoro Kano (1860 – 1938; Begründer des Judo) einen seiner vierzig traditionellen Würfe nach dem Wasserstrudel Zeichen benannte. Der Tomoe-nage gehörte zu den ersten Würfen die der Meister bereits 1895 in sein neues System aufnahm und soll sogar einer seiner Lieblings Techniken gewesen sein.

Fazit:

Das tomoe Muster finden wir also in vielen Gegenden Asiens wieder. Das Symbol erscheint noch heute in unzähligen Variationen als Hauswappen, Schreinsymbol oder Firmenlogo. Als universales, religiöses Zeichen ist es zudem häufig auf den traditionellen japanischen Trommeln (taiko,太鼓) abgebildet.
Noch bekannter ist natürlich die Variation als Yin und Yang; der schwarz-weiße zweifache Wirbel.
Was die Menschen nun tatsächlich in der Trinität des tomoe sehen oder damit assoziieren, hängt sicherlich stark mit dem Hintergrund und Wesen der Person ab.
Die Antwort eines katholischer Priester wäre vielleicht: Vater, Sohn und heiliger Geist. Während ein buddhistischer Mönch eher Mensch, Himmel und Erde in Beziehung setzen würde. Ein Naturwissenschaftler brächte wohl Masse, Licht und Energie in Beziehung (E=m C²).
Ein Kampfkunstmeister könnte die drei Qualitäten, die der erfolgreichen Kampffähigkeit zugrunde liegen meinen. Waza (Technik), Chikara (Stärke) und Ki (Lebensenergie) s.h. dazu auch diesen Artikel von mir (Link Karatelied).
Sensei Hiroshi Shirai (1937- heute) vereinigt in seinem Karatesystem – Kata, Goshin und Bunkai zu einem Ganzen.
Für mich ist es ganz einfach das Zeichen für vollkommene Harmonie.

ki o tsukete kudasai (気をつけて下さいいい)