Tempus (Teil 1) Zeitstrahl von 1920 – 1930

Dan (段) sein, heißt Vorbild sein“.
Dies gilt besonders für einen Dojoleiter. Und Sensei (先生) bedeutet nichts anderes als Lehrer.
Da sollte man schon die ein oder andere Frage beantworten können, die eben nichts mit dem Kataablauf oder irgend einer Technikausführung zu tun hat. Auch so kann es nicht schaden, bestimmten Ereignissen aus der Geschichte Japans bzw. des Karate einem Datum zuzuordnen.
Deshalb hier der ultimative Zeitstrahl mit den 20er Jahren:

1920

Zu Beginn der zwanziger Jahre war Japan in ziemlich guter Verfassung. Die Wirtschaft wuchs, die Nation als Ganzes wurde respektiert und ihr Einfluss auf das asiatische Festland wurde durch die Annexion Koreas und die Besetzung Chinas ausgeweitet.
Die Dinge begannen sich jedoch schnell zu ändern. Wirtschaftskrisen und der dramatische Anstieg des japanischen Stolzes und Nationalismus prägen dieses Jahrzehnt. Japans Führer machten sich Sorgen, dass seine westlichen Verbündeten es nicht so ernst nahmen, wie erhofft. Die Vision des Kaisers für ein Japan als Weltmacht schien nicht so sicher zu sein, wie er es sich gewünscht hatte.
Wir befinden uns in der Taisho-Zeit (大正時代 ) 1912 bis 1926. Sie definiert die Regentschaft des 123. Kaisers mit Namen Yoshihito (嘉仁). Wobei Taisho das Motto seiner Regentschaft war (wörtlich:“große Gerechtigkeit“). Man muss dazu wissen, japanische Geschichte orientiert sich an den innerpolitischen Entwicklungen und deren Herrscherhäusern. Sie stimmen nicht notwendigerweise mit westlichen Einteilungen überein.

1921

Kronprinz Hirohito (1901-1989) besucht am 6. April eine Karatevorführung auf Okinawa. Geleitet wird sie unter Anderem von Gichin Funakoshi (1868-1957) und Miyagi Chojun (1888-1953).
Der Prinz lädt die Verantwortlichen daraufhin zu einer Demonstration ihres Sports nach zentral Japan ein. Dort finden etwa zur gleichen Zeit Vergleichskämpfe zwischen westlichen Boxern oder Ringern und den Vertretern der verschiedenen japanischen Kampfsportarten statt. Die Japaner verlieren dabei regelmäßig in enttäuschender Weise. Die Zeitungen berichten fast täglich darüber.
Daraufhin reist Motobu Choki (1870-1944) nach Kyoto und nimmt eine öffentliche Herausforderung an, die er prompt gewinnt. Schon nach zwei Runden besiegt er den körperlich deutlich überlegenen und viel jüngeren europäischen Boxer. Zeitweilig stellt er die Ehre der japanischen Nation wieder her.
Diese hört nun zum ersten mal von einer Kampfkunst aus den neuen Provinzen im Süden.
Die anhaltende Publicity ausnutzend, eröffnet Motobu Choki ein Dojo in Osaka.

Kronprinz Hirohito wird schließlich am 25. November, aufgrund der andauernden Krankheit seines Vaters, zum Prinzregenten ernannt.

1922

Albert Einstein besucht mit seiner Frau Elsa Japan und löst dabei eine große Begeisterung aus, die man damals „Einstein fever“ nannte. Die Anreise mit dem Schiff dauert ca. 40 Tage. Bei seiner Rundreise durch das Land der aufgehenden Sonne, die vom 7.11. bis 29.12. dauern sollte, hält er Vorträge und besichtigt Japans wichtigste Sehenswürdigkeiten.

Foto von Albert und Elsa

Der Prince of Wales, und spätere König Edward der VIII. (1894-1972), besucht im April Japan. Im Auftrag seines Vaters unternimmt er eine Weltreise, um die Krone in den Kolonien in Übersee und in anderen Ländern zu repräsentieren. Er war kurz zuvor in Indien.

Gichin Funakoshi stellt Anfang Mai Karate in Tokio vor. Er referiert dieses mal im Rahmen einer Vortragsreihe für „Leibeserziehung und Bewegung“ über Karate. Ein vorheriger Besuch von Funakoshi, wenige Jahre zuvor, war nicht erfolgreich, da die Demonstration in erster Linie an Vertreter von Samurai-Familien gerichtet war. Naturgemäß interessierten sie sich nicht für eine Kunst mit leeren Händen aus den Südlichen Provinzen.
Nun wird die Sache ein großer Erfolg und verschiedene Vertreter des Militärs werden auf die besondere Kampfkunst aufmerksam.

Noch im selben Jahr knüpft Funakoshi, aufgrund seiner erfolgreichen Demonstration im Mai, Beziehungen zu den höchsten militärischen Kreisen in Tokio. Auf dessen Einladungen hin präsentierte er Karate an der Kaiserlichen Militärakademie und der Offiziersschule der Kaiserlich Japanische Armee.

Wichtigster Mann für den mittellosen Meister aus Okinawa wird allerdings eine andere überaus bedeutende Persönlichkeit aus der Geschichte von Japan, den Kampfkünsten im allgemeinen und dem Sport an sich.
Jigoro Kano (1860-1938) entdeckte Funakoshi bereits 1916 in Kyoto, als dieser zum ersten Mal den Japanern eine Demonstration seiner Kampfkunst gab. Kaum wieder auf Okinawa angekommen, nahm Kano sofort Kontakt zu ihm auf. Funakoshi möge ihm die Prinzipien seiner Kampfkunst erläutern. Zeit seines Lebens wurde er nicht müde sein Judo immer weiter zu verbessern und zu ergänzen. Doch zu seinem großen Bedauern lehnte Funakoshi höflich ab. Nun spricht er den Karate Meister persönlich an. Dieses mal willigt Funakoshi ein und gibt am 17. Mai den ersten Unterricht im berühmten Kodokan (bis heute die älteste und bedeutendste Judo-Schule der Welt). Kano erteilt er sogar mehrere Monate lang Privatunterricht. Sein Assistent ist dabei Gima Makoto (1896-1989), ein Landsmann der bereits Karate auf Okinawa gelernt hat. Entweder wollte oder konnte Funakoshi, dem Judo Meister nicht alle tiefer gehenden Prinzipien seines Karate erklären. Tatsache ist jedenfalls, dass Kano daraufhin 1927 selber nach Okinawa reiste; um seine Karate Studien fort zu setzen.

Otsuka Hironori (1892-1982) beginnt im Juli den Unterricht bei Gichin Funakoshi.
Er ist zu diesem Zeitpunkt bereits ein Jujutsu Meister. Schnell wird er einer der besten Karateschüler und entwickelt zusammen mit Funakoshi sogar ganz neue Konzepte; genannt: Kumite-Kata. Diese enthalten abgesprochene Technikabläufe zur Verteidigung gegen Schwert und das Messer. Die neuen Elemente werden umgehend in den Unterricht übernommen und finden sich auch noch später in Funakoshis wichtigsten Hauptbuch wieder.

Laut Otsuka lebt Funakoshis ältester Sohn Giei (1900-1961) bereits vor Ankunft seines Vaters in Tokio. Dieser soll auf Grund seiner großen Zuneigung zum Glücksspiel noch ausstehende Schulden auf Okinawa haben. Der zügellose Lebensstil von Giei soll den späteren Gründer des Wado-Ryu in wenigen Jahren noch viel Ärger bringen; denn dieser bleibt auch in der Hauptstadt dem Glücksspiel treu und verspielt regelmäßig sein ganzes Geld.

„Ryukyu Kempo Toudi“ (Okinawas Faustmethode – die chinesische Hand) Funakoshis erstes Buch erscheint am 25.11. Es umfasst ca. 300 Seiten und beschreibt im Wesentlichen die 15 Kata, die er Zeit seines Lebens lehrte. Es enthält weiterhin 8 Würfe. Sämtliche Darstellungen im Buch sind allerdings gezeichnet. Sie sind leider recht undeutlich und eher schlecht gemacht. Seine Kontakte zum Militär sind so gut, das einige bedeutender Persönlichkeiten gerne ein paar Seiten im Vorwort schreiben. Unter anderem: Admiral Rokuro Yashiro, Vizeadmiral Chosei Ogasawara, Generalleutnant Chikamatsu Oka und Admiral Kenwa Kanna.

Miyagi Chojun unterrichtet am Polizeiausbildungszentrum der Präfektur Okinawa Karate. Er ist in seinem Heimatland seit langem ein hoch angesehener Meister, der bereits zwei mehrere Jahre andauernde Exkursionen nach China unternommen hat. Im Gegensatz zu Funakoshi ist er sehr vermögend. Seine Familie gehört zu den reichsten in ganz Naha. Sie besitzt zwei Handelsschiffe und beschäftigte sich seit Generation mit dem Import von medizinischen Kräutern aus China.

1923

Foto des grossen Bebens

Das Große Kanto-Erdbeben. Es fordert ca. 125.000 Todesopfer, zerstört die Hafenstadt Yokohama und große Bereiche des benachbarten Tokio. Da das Erdbeben auch die Hauptwasserleitungen zerstört, dauerte es fast zwei Tage, die Brände zu löschen. Weit mehr als die Hälfte aller Wohnhäuser fallen dem Feuer zum Opfer. Durch die Zerstörungen werden etwa 2 Millionen Menschen obdachlos (zu diesem Zeitpunkt beträgt die Einwohnerzahl knapp 3,8 Mio.).
Nach dem Beben ruft das Innenministerium den Notstand aus und weißt die Polizei an, die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten.
Es kommt aber trotzdem zu zahlreichen schweren Übergriffen. Insbesondere gegen Koreaner und diejenigen Japaner (z.B. Bewohner von Okinawa), die aufgrund ihres Akzents dafür gehalten werden. Laut einer Untersuchung des Innenministeriums werden bei den Ausschreitungen 293 Personen getötet, davon 231 Koreaner, 3 Chinesen und 59 Japaner. Schätzungen gehen aber von bis zu 6.600 Opfern aus.
Der Wiederaufbau der Stadt zieht sich bis zum Anfang der 1930er Jahre hin.

Oyama Masutatsu (1923-1994) wird in Südkorea unter dem Namen Hyungyee geboren.

1924

Funakoshi passt Ausbildungsmethode und Etikette seines Karateunterrichtes fortwährend dem Judo an. Zum Teil fließen auch Ideen und Gebräuche aus dem Kendo mit ein. Kleidung, Gürtelsystem und Rangordnung werden eingeführt.
Schließlich verleiht er am 12. April die ersten Dan Urkunden im Karate überhaupt. Die glorreichen sieben waren: Ohtsuka Hironori, Gima Makoto, Ante Tokuda, Kasuya Masahiro, Akiba, Shimizu Toshiyuki und Hirose.

Foto der ersten Dan_Zeremonie

Funakoshi ist bereits volle zwei Jahre trotz widrigen Umstände in der Hauptstadt. Geplant war eigentlich nur ein kurzer Aufenthalt, doch er wird nie wieder seine Heimatinsel betreten.

Otsuka wird stellvertretender Ausbilder. Die Zahl der Karateschüler wächst allmählich. Es sind ausschließlich Studenten aus Tokio und dem naheliegenden Umland.

1925

„Rentan Goshin Toudi Jutsu“ (Stählung und Selbstverteidigung – Karate Jutsu) Funakoshis zweites Buch erscheint am 10.03. Neben den 15 Kata aus dem ersten Buch enthält es nur noch 6 Würfe. Sämtliche Darstellungen bestehen diesmal aus 217 Fotos von guter Qualität. Sie zeigen dem Meister höchst selbst. Die Neuauflage war nötig, da die alten Druckplatten seines ersten Buches bei dem Große Kanto-Erdbeben zerstört wurden.

Mabuni Kenwa (1889-1953) eröffnet auf Okinawa sein erstes eigenes Dojo. Er stammt aus einer sehr angesehenen, adeligen Familie und ist zu diesem Zeitpunkt bereits Polizeiinspektor.

Miyagi gibt eine beeindruckende Darbietung seiner Kampfkunst Prinz Chichibu, dem Bruder des Prinzregenten.

Im „Kingu Magazie“ erscheint ein Artikel, in dem der Kampf von Motobu Choki von 1921 wieder aufgewärmt wird. Der Hacken: Nicht Motobu Choki, sondern Gichin Funakoshi wird dort in einer Zeichnung als Sieger dargestellt. „Honi soit qui mal y pense“.

 

1926

Am 25.12. wird Prinzregent Hirohito zum neuen Kaiser; die Showa-Zeit (昭和時代) beginnt. Sie endet erst im Jahre 1989 und bedeutet wörtlich:“erleuchteter Frieden“.

Yabu Kentsu (1866-1937), aufgrund seiner militärischen Vergangenheit auch „Sergant“ genannt, wird gebeten Gründungsmitglied des „Okinawa Tode Research Club“ zu werden. Einer Organisation die sich der Erforschung und der Erhaltung des Tode widmet.
Anscheinend war er der erste Okinawaner in der modernen japanischen Armee, und es gibt eine Geschichte, dass seine Uniform und sein Schwert später in Shuri Castle aufbewahrt wurden. Präsident dieses Clubs wird Motobu Choki. Weitere Mitgliedern sind unter anderem Miyagi und Mabuni.

1927

Otsuka gibt seinen Job als Bankangestellter auf und wird „Facharzt“ für Kampfsportverletzungen. Ein Heilkundiger in Sachen Wiederbelebung, Knochen einrenken und Verletzungen jeglicher Art. Dieses Zertifikat war damals Voraussetzung, um offiziell ein eigenes Dojo zu betreiben.
Er lernt nun auch andere Stile kennen und studiert in der folgenden Zeit viel bei anderen Meistern.
Bei Choki Motobu Kumite. Bei Mabuni Kata.

Kano besucht Okinawa und lässt sich die fehlenden Prinzipien zeigen, die er zuvor bei Funakoshi nicht in Erfahrung bringen konnte.
Es gibt eine offizielle Vorführung und später jede Menge Privatunterricht von Miyagi und Mabuni. Es handelt sich dabei wahrscheinlich primär um Kyusho-Jitsu (急所術 Kunst der Vitalpunkte). Kano ermuntert beide, sich der Verbreitung des Karate zu widmen. Er gibt ihnen dafür Ratschläge aber auch genaue Anweisungen für die speziellen Bedingen die in Japan zu erfüllen sind.
Im selben Jahr veranlasst daraufhin die Präfektur Okinawa, das Ryu Kyu Kenpo offiziell in drei Strömungen kategorisiert wird. Naha-, Shuri-, und Tomari-Te. In der Zeit vorher war es bekanntlich nicht üblich Schulen und Stile im Karate zu benennen.

Der erste Schritt zur Japanisierung ist getan.

An dieser Stelle ein kurze Info zum allgemeinen Verständnis von mir:

1895 wurde die Dai Nippon Butoku Kai – DNBK (大日本武徳会 Groß japanische Organisation für Kriegstugenden) gegründet. Diese staatliche Einrichtung war von Anfang an sämtlichen japanischen Kampfsystemen übergeordnet und bildete eine Art Dachverband. Wer sich ihr nicht fügte, wurde praktisch aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Die Ziele der DNBK waren unter anderem die Förderung und der Erhalt der Budo Tugenden; wie Hingabe, Respekt und Ehre. Tatsächlich testete sie aber auch die Kampfkraft und praktikable Verwendung der einzelnen Stile für das Militär. Im einzelnen bedeutete dies neben der Katalogisierung und Standardisierung vor allem Kontrolle. Wettkampfregeln und Ausbildungsordnungen wurden aufgestellt. Einheitliche Uniformen und Ränge eingeführt (Renshi, Kyoshi, etc.). Zahlreiche Bildungseinrichtungen sowie Ausbildungsstätte für die verschiedenen Kampfkünste wurden gebaut. Große sportliche Feste und aufwendig geplante Demonstrationen japanischer Kampfkünste fanden statt. Innerhalb kürzester Zeit wuchs die DNBK zu einer der wichtigsten Organisation heran und Kano war einer ihrer mächtigsten Funktionäre.

1928

Mabuni Kenwa kommt nach Osaka. Er gründet dort ein Dojo, welches er „Yoshukan“ nennt.

Miyagi kommt nach Japan in die Präfektur Honshu und gibt eine Demonstration seiner Kampfkunst, die einen derartigen Anklang findet, dass er vorerst auf den japanischen Hauptinseln bleibt um dort zu unterrichten.

1929

Motobu Choki wechselt von Osaka nach Tokio, wo er ebenfalls ein eigenes Dojo eröffnet.
Diesen Luxus erfährt Funakoshi erstmalig Ende der 30er Jahre. Mittellos wie er in Japan begann, und auch bei seinem Tod noch war, ist er leider nie eine große Führungskraft oder ein Organisator gewesen.
Sein Unterricht findet daher direkt an den Universitäten oder in kleinen, gemieteten Räumen statt. Eine Zeit lang darf er das Dojo eines bekannten Kendo Meisters mitbenutzen.

Am 24. Oktober 1929 bricht die New Yorker Börse zusammen. Dies stellte den Beginn der bis dahin schlimmsten globalen Wirtschaftskrise der Geschichte dar.

1930

Tokios Einwohnerzahl wächst auf knapp 5 Mio.

Auf Okinawa wird Miyagi zum Leiter der Sektion Karate im Athletikverband ernannt.
Im selben Jahr bezeichnet er sein praktiziertes Karate als Goju-Ryu. Ein weiterer Schritt zur Japanisierung ist getan.

Funakoshi veröffentlicht seine 20 Lehrsätze.

Die anhaltende Depression seit dem großen Börsencrash stürzt die Wirtschaft in eine große Finanzkrise. Die Entwicklungen führen zum Bankrott vieler Unternehmen. Nachdem Japans Regierung sich bereit erklärt, seine Flotte auf der Londoner Marinekonferenz sehr klein zu halten, haben die Militärs und Nationalisten ein für allemal genug.
Nach dem Rücktritt des Premierministers und der Ermordung einiger ranghoher Militärs, durch die Armee selbst, organisiert der verbliebene Führungsstab endgültig eine Militärregierung.

(Dirk Ludwig, Werner Lind, Henning Wittwer, Jigoro Kano, Heiko Bittmann, Addy Melzer; siehe Verzeichnis Bibliografie)

ki o tsukete kudasai (気をつけて下さい)