Sawa kai Nr.2

Sawa kai (茶話会) bedeutet soviel wie Kaffeekränzchen oder auch Teegesellschaft und ist ein stilübergreifendes Format in meinem Blog. Hier werden Meistern verschiedener Stilrichtung sieben Fragen gestellt. Eine Art Kurzinterview, um Unterschiede und Gemeinsamkeiten aufzudecken. Kurz und knackig.

Dieses Mal mit Christina Gutz 7.Dan Wado Ryu.

Sensei Christina hat sich voll und ganz dem Budo verschrieben. Ob als Trainerin (A-Lizenz), Prüferin (A-Lizenz) oder Stilrichtungsreferentin im Berliner Karate Verband. Mit mehr als 40 Jahren Budoerfahrung (Wado Ryu, Shito Ryu, Takamura Ha Shindo Yoshin Ryu) ist sie zudem Erste Vorsitzende JKF Wadokai Deutschland Sohonbu und ganz neben bei auch noch Studienräten an der Staatlichen Technikerschule Berlin. Das schaffen die Wenigsten.

Welches ist Deine Lieblings Kata; und warum?

Jede Kata hat ihre Herausforderungen und bietet Möglichkeiten, unter der Oberfläche ihr Wesen zu entdecken, bzw. in die Tiefe zu gehen und sie zu erforschen (Ura, Omote und Henka). Die Kata ist zunächst Form, die es gilt mit Inhalten zu füllen, also „zu leben“. Jede Kata hat ihre Herkunft und erzählt uns erfahrbar ihre Geschichte, wenn wir sie aufmerksam und über Jahre trainieren und in sie „hineinspüren“. In meinem Unterricht ist es mir wichtig, dies zu vermitteln. Dabei kommt der Kata Bunkai und dem Kata Kaisetsu eine wichtige Aufgabe zu, denn darüber lernen wir, welche Prinzipien der Kata innewohnen und wie die Sequenzen der Kata im Kampf angewendet werden können. Die Kata führt uns also auch von der Form zum halbfreien und schließlich zum freien Kampf.

Mit welchen Meistern, aus der Vergangenheit oder Gegenwart, würdest Du gerne trainieren; und warum?
(egal ob der Meister bereits verstorben ist oder am anderen Ende der Welt lebt)

Hier möchte ich mich nicht namentlich festlegen. Sondern die Frage zum einen so beantworten, dass wir die Vergangenheit studieren sollten, um die Gegenwart besser zu verstehen (Keiko Shokon). Darüber hinaus ist damals wie heute ein Austausch wichtig, um zu lernen, um neue oder andere Perspektiven kennenzulernen und sich in einer solchen Kooperation letztlich gemeinsam weiterzuentwickeln.

Trainierst Du noch andere Systeme / Kampfkünste?
(wenn Ja: In wie weit sind diese für Karate hilfreich? Bei Nein: warum nur Karate?)

Seit mehr als 40 Jahren trainiere ich Budo. Neben dem Wado Ryu trainiere ich Shito Ryu und Takamura Ha Shindo Yoshin Ryu. Jeden Tag in meinem Leben bin ich dankbar, Teil der Budo-Familie zu sein.

Erzähl uns eine interessante Anekdote aus Deinem Karate Leben.

Da muss ich passen.

Worauf legst Du in Deinem Unterricht das meiste Gewicht; was ist Dir wichtig zu vermitteln?

Wichtig ist mir einerseits das Vermitteln von Fachkompetenz (z. B. das Curriculum) gepaart mit dem Vermitteln von Sozialkompetenz, dem Miteinander, geprägt durch Respekt, Wertschätzung u. a. (Dojukun).

Was ist das Alleinstellungsmerkmal Deines Stiles?
(was ist typisch, was gibt es nur in Deinem Stil? – im Vergleich zu den Anderen)

Im Unterschied zum Okinawa Karate hat das von Hironori Otsuka (1892 – 1982) gegründete Wado Ryu seine Wurzeln im Shindo Yoshin Ryu. Otsuka trainierte zwischen 1907 und 1921 in zwei Perioden im Dojo von Tatsusuburo Nakayama (1870 – 1945) Shindo Yoshin Ryu. 1922 traf Otsuka Gichin Funakoshi, später Kenwa Mabuni und Motubu Choki1 auf dem japanischen Festland und studierte das Karate von Okinawa bei ihnen. Somit besteht durch Otsuka eine ursprüngliche Verbindung zwischen dem Shindo Yoshin Ryu und dem Wado Ryu.
Shindo Yoshin Ryu ist eine Koryu-Schule, die 1864 von Matsuoka Katsunosuke gegründet wurde. Eine autorisierte Nebenlinie, die Ohbata/Takamura Linie, wird heute als Takamura Ha Shindo Yoshin Ryu (TSYR) von Tobin E. Threadgill als Kaicho und Menkyo Kaiden2 geleitet.3,4 Bestimmte Konzepte und allgemeine Prinzipien des Karate hat Wado Ryu mit den Karatestilen aus Okinawa gemeinsam, so zum Beispiel Zanshin (Konzept des „wachen Geistes“), Maai (komplexes Konzept im Zweikampf bezogen auf den Abstand, den Winkel, den Angriffsrhythmus und die Zeit zur Überwindung der Distanz) und Chushin Tadasu (korrekte Körperhaltung).
Hironori Otsuka realisierte jedoch auch, dass historisch überlieferte Prinzipien und Techniken des Shindo Yoshin Ryu auf das Okinawa Karate anwendbar waren, und er integrierte sie in das von ihm gegründete Wado Ryu. So übertrug Otsuka das Wissen des Koryu in das Wado Ryu: “Koryu lives a little bit in Wado. Shindo Yoshin Ryu and Wado are like cousins.“5 Zu den Wado Ryu Prinzipien, die direkt auf das Shindo Yoshin Ryu zurückgehen, gehören u. a. Taisabaki und San-Mi-Ittai (Ten-I, Ten-Tai, Ten-Gi).
Aber auch die Konzepte der Initiative übertrug Otsuka direkt vom Shindo Yoshin Ryu in das Wado Ryu.6

1 Gichin Funakoshi (1868 – 1957) unterrichtete seit 1922, Kenwa Mabuni (1899 – 1952) seit 1928 und Motobu Choki (1871 – 1944) seit 1929 Okinawa Karate auf dem japanischen Festland.

2 Das Menkyo System geht zurück ins 8. Jahrhundert. “Menkyo kaiden (免許皆伝?), (めんきょかいでん) is a Japanese term meaning ‘license of total transmission.’ It is a license that is granted by a school, koryū meaning that the exponent has learned everything and pass on all aspects of his/her training within the koryū.” Donn F. Draeger: Ranking Systems in Modern Japanese Martial Arts: Modern vs. Classical. Lecture on 1 April 1976. http://judoinfo.com/ranks/ (Stand: 30.03.2018)

3 “The teachings of Takamura-ha Shindo Yoshin-ryu are organized in a manner consistent with most classical schools of budo. The teachings are divided into three levels represented by the issuing of teaching licenses. These are shodenchuden and joden gokui. An administrative license also exists which represents ultimate authority over the issuing of all these licenses. This administrative license is called a menkyo kaiden. …” Toby Threadgill and Shingo Ohgami: Takamura-ha Shindo Yoshin-ryu Jujutsu: History and Technique. In: http://www.koryu.com/library/tthreadgill1.html (Stand: 22.03.2018)

4 Toby Threadgill and Shingo Ohgami: Takamura-ha Shindo Yoshin-ryu Jujutsu: History and Technique. https://www.koryu.com/library/tthreadgill1.html (Stand: 22.03.2018) und www.shinyokai.com

5 Toby Threadgill in: Christina Gutz: Wado-Pfingstlehrgang 2012 in Berlin. “Koryu lives a little bit in Wado. Shindo Yoshin Ryu and Wado are like cousins.” (Toby Threadgill)
https://www.wado-karate.de/nachrichten-berichte/ und http://www.berliner-karate-verband.de/ (Stand: 22.03.2018)

6 Christina Gutz: Der historische Bezug zwischen dem Wado Ryu und dem Shindo Yoshin Ryu und die Konzepte und Kernprinzipien des Wado Ryu. In: Christina Gutz: Prüfung zum 7. Dan Wado Ryu im Deutschen Karate Verband e. V.
am 7. September 2018 in Neuss, https://www.deutsche-dan-akademie.de/images/stories/Ausarbeitung/Gutz-historische-Bezug-Wado-Ryu-Shindo-YoshinRyu.pdf (Stand: 07.03.2021)

Einige Leute sind der Ansicht, dass es notwendig sei, nach Japan zu gehen, um dort zu trainieren. Teilst Du diese Auffassung?

Es ist wunderbar, wenn der/die einzelne es sich ermöglichen kann, in Japan zu trainieren. Unbedingt notwendig ist es meiner Ansicht nach nicht.

Foto von Sensei Christina
Sensei Christina 2018, wärend eines Randori; zur Verfügung gestellt von © C.Gutz