Des Meisters letzte Ruhestätte

Am 26.04. 1957 um 8:45 Uhr stirbt Gichin Funakoshi in einem Krankenhaus in Tokio. In den folgenden Tagen finden Ereignisse statt, die im direktem Zusammenhang mit dem Begräbnis des Meisters stehen und bis dato verschleiert wurden.
Die Mehrzahl der Karateka ist auch leider immer noch davon überzeugt, dass sich das Grab des Meisters im Engakuji Tempel in Kamakura befindet. Sehr wenige wissen, dass es es sich bei diesem Grab nur um einen Gendenkstein handelt.
Doch wo befindet sich wirklich Gichin Funakoshis letzte Ruhestätte?
Und was geschah tatsächlich in den letzten Tagen nach seinem Tod, dass zu einer unschönen Fehde samt eines handfesten Skandals führte?

Um nachvollziehen zu können was sich genau in jenen Tagen ereignete, ist es zwingend erforderlich ein wenig über Totenritten und Bestattungen in Japan zu lernen. Häufig machen wir den Fehler unsere westlichen Gebräuche und Maßstäbe anzuwenden. So etwas führt zwangsläufig zu Missverständnissen und Fehldeutungen. Es erklär indes auch, warum man eine Gedenkstätte mit einem Grab verwechseln kann.
Die große Mehrheit aller Verstorbenen wird in Nippon nach buddhistischen Bestattungsriten (soshiki;葬式 ) eingeäschert und in einer Urne beigesetzt. Die Einäscherung erfolgt meist ohne lange Verzögerung, d.h. innerhalb von ein bis zwei Tagen nach dem Tod. Dies ist allein schon wegen des feucht-heißen Klimas durchaus angebracht. Die Aschereste werden danach in einer Urne nach Hause genommen und verbleiben dort noch einige Zeit, bevor sie schließlich auf einem Friedhof beigesetzt werden. Der zweite Grund den Verstorbenen so schnell wie möglich aus dem Bereich der Lebenden zu entfernen, ist es ihm in den Status eines Buddhas (hotoke;仏) zu versetzen. In dieser Form gilt er dann weder als bedrohlich noch als unrein und kann damit zum Teil der alltäglichen Ahnenverehrung werden.
Die Leitung einer familiären Bestattungszeremonie ist ein verantwortungsvolles und kompliziertes Amt, das traditionellerweise dem ältesten Sohn einer Familie zukommt. Dabei richtet man sich im allgemeinen nach einem gewissen rituellen Fahrplan. Dieser wird von den engsten Familienmitglieder, eventuell auch von Freunden und Nachbarn, so wie einen buddhistischer Mönch abgearbeitet.
Der Hausschrein (kamidana;神棚) wird mit weißen Tüchern verhängt.
Der Tote wird gewaschen und mit einem weißen Totengewand (shini shozoku;死に装束) bekleidet. Der Verstorbene kann nun im eigenen Haushalt feierlich und von vielen Blumen umgeben aufgebahrt werden.

An dieser Stelle möchte ich einen der vielen Mythen zerstören die rund um das Karate existieren. Demnach soll die weiße Kampfmontur, also der Karate Gi, eben dieses Totengewand verkörpern. Ganz im Geiste der alten Samurai; dem Bushido. Demzufolge sollte man sich bereits als tot betrachten. Diese Einstellung macht den Weg des Samurai aus. Verschafft ihm einen Vorteil gegenüber einem Gegner der zögert, weil er noch an seinem Leben hängt.
Falsch.
Was ein Totengewand letztendlich ausmacht ist eine dreieckige Stirnbinde, die auch für die Darstellung von Totengeistern typisch ist. Sollte diese nicht vorhanden sein, wie bei unserem Karateanzug, handelt es sich um das Gewand eines Pilgers. Es kommt eben doch auf die Details an. Die Vorstellung auf einer Pilger,- oder Wallfahrtsreise während seines Karatelebens zu sein, ist doch viel erfreulicher als die eines todesmutigen Samurai. Ähnlich dem Camino nach Santiago de Compostela etwa. Wir erinnern uns: “Der Weg ist das Ziel.“
japanischer Pilger

Der Verstorbene wird nun posthum in den Status eines buddistischen Mönches versetzt. Er erhält dabei eine Art Mönchsnamen (kaimyo;戒名). Dieser wird auf ein Täfelchen geschrieben und bekommt einen Platz im Hausaltar. Räucherstäbchen werden verbrannt. Sutren werden durch einen buddhistischen Mönch rezitiert.
Die ganze Nacht über wird Totenwache gehalten. Am nächsten Tag versammeln sich Verwandte und Bekannte zu einer Trauerfeier. Im Anschluss beteiligen sich die Trauernden gemeinsam an der Einsargung. Mit Hilfe eines einfachen Steines wird auf einen der Sargnägel geklopft und so symbolisch beim Zunageln des Sarges geholfen. Anschließend wird nur die engste Familie den Sarg ins Krematorium begleiten. Am Ende wird die Urne dann nach Hause mitgenommen um später im Familiengrab beigesetzt zu werden. Dies geschieht allerdings meist mit vergleichsweise geringem zeremoniellen Aufwand. Die darauf folgende Trauerzeit beträgt nach buddhistischem Brauch exakt 49 Tage. Dies ist die Zeit, die Buddha in Meditation verharrte, bevor er die Erleuchtung erfuhr. Nach Abschluss dieser Zeit findet eine größere Totenfeier für den weiteren Bekannten- und Freundeskreis in einem Tempel statt.

Eine gewisse Verwirrung besteht im Westen weiterhin hinsichtlich der Trauerfarbe in Japan. Immer noch wird angenommen, Weiß sei die Farbe des Todes im Reich der aufgehenden Sonne. Seit Japans Öffnung zum Westen hat sich jedenfalls schwarz als Farbe der Trauer allgemein durchgesetzt. Weiß hingegen wird wie in unseren Breitengraden bei Heiraten, auch im japanischen Stil, bevorzugt.

Kehren wir nun in das Jahr 1957 zurück. Gichin Funakoshi ist vor kurzem gestorben. Bestattung und Totenriten sind schon soweit vorangeschritten, das wir nun mitten in der Trauerzeit sind. Wie es der Brauch verlangt hat Giei Funakoshi, des Meisters ältester Sohn, die Leitung aller notwendigen Zeremonien übernommen. Unterstützt wird er dabei hauptsächlich von Egami Shigeru, den letzten und zugleich treuesten Schüler von Gichin.
Er war es ebenfalls, der sich in den letzten Monaten um den immer schwächer werdenden Karatelehrmeister gekümmert hat. Auch in dem Augenblick in dem dieser stirbt, befindet sich Egami neben ihm am Bett. Jetzt warten alle auf die große Totenfeier. Zur großen Überraschung vieler Mitstreiter und Kollegen aus dem engsten Kreis des kürzlich verstorbenen, erhebt die JKA offiziell Anspruch auf die Ausrichtung der bedeutsamen Feier.
Dafür gibt es scheinbar keinen Grund, da Funakoshi nie einen repräsentierenden Posten in der JKA inne hatte. Im Gegenteil. Der alte Meister distanzierte sich ausdrücklich von dieser Institution.Prüfungskommission Anfang der 1950er Jahre

Giei wörtlich:

Das Begräbnis meines Vaters soll in den Händen der Shotokai-Schule liegen, da er keine andere Position als die des Direktors der Shotokai-Schule hatte. Nun, da das Dojo abgebrannt und verschwunden ist, ist es nur logisch, dass seine Beerdigung der Schule obliegt.

Die Shotokai existiert bereits seit Anfang der 30er Jahre und wurde ursprünglich ins Leben gerufen um Geld für ein eigenes Dojo zu sammeln. Das spätere „Haus des Shoto“ wurde tatsächlich im Jahre 1939 eingeweiht, doch leider bereits 1945 durch einen Bombentreffer vollkommen zerstört. Nun repräsentiert dieser Club das alte Karate der 30er und frühen 40er Jahre, als auch den Geist Gichin Funakoshis. Gemeint ist hier nicht nur Ausführung der Techniken oder Anzahl der ursprünglich 15 Kata, sondern auch die Begrenzung auf fünf Dangrade sowie die strikte Ablehnung gegenüber Wettkämpfen.
Zeit seines Lebens war Gichin Funakoshi Oberhaupt dieser Organisation, die bis heute existiert. Die Shotokai hat bis heute alle Rechte an sämtlichen Schriften Funakoshis. Sie ist Erbe dessen Symbols; dem berühmten Shotokantiger. Außerdem ist sie Hüter des original Shotokan-Siegel der Funakoshis. Der Shotokai Shomen

Der Termin für die Totenfeier wird auf den 10.05.1957 festgelegt.
Die Situation ist angespannt und es liegt Streit in der Luft. Eine Zusammenkunft wird einberufen, bei der etwa 50 Karatekas anwesend sind. Dojoleiter und Vertreter der wichtigsten Universitäten, an dem Gichin Karate gelehrt hat, sind dabei.
Für die JKA, unter der Führung von Nakayama Masatoshi, die Universitäten: Keio, Takushoku und Hosei. Für die Shotokai, unter der Führung von Hironishi Genshin und Egami Shigeru, die Universitäten: Seijo, Gakushuin, Noko, Chuo und Senshu.
Der Erste und somit älteste Universitäts-Club Waseda hält sich neutral. Dessen Dojoleiter Nobuhide Ohama ist ein guter Freund der Familie Funakoshi und gehört zu den Koordinatoren der rituellen Bestattung und den Feierlichkeiten.
Während der gesamten Zusammenkunft wiederholt Egami seinen Aufruf zur Vernunft im Namen des erstgeborenen Sohnes Giei. Er ist fest davon überzeugt, dass es ein schwerer Fehler wäre, wenn sich die JKA nicht an den Feierlichkeiten beteiligen würden. Aber die Vertreter der JKA behalten von Anfang an ihre starre Haltung bei: „Wenn die Totenfeier nicht vom der JKA ausgerichtet werden darf, würden sie auch nicht daran teilnehmen…“ Nach stundenlangen Diskussionen gibt es leider keine Einigung. Was auch immer geschehen würde: „Die Begleitung oder Nichtbegleitung der Feierlichkeiten am 10.05. wäre eine persönliche Entscheidung…“.
Es kommt wie es kommen musste. Die drei genannten Universitäten bleiben der großen Feierlichkeit zu ehren des Meisters Funakoshi fern. Es wehen nur die Club-Fahnen der verbliebenen sechs Universitäten an diesem Tag. Der Skandal ist perfekt und und die unschöne Fehde beginnt bereits wenige Wochen nach dem ableben des Meisters. Hironishi erinnert sich an ein Gespräch im Dezember desselben Jahres mit Nakayama, das in einem Artikel von ihm aufgeschrieben wurde:

Nakayama:
„Werde ein Mitglied der JKA. Gib dein starrsinniges Verhalten auf und werde Mitglied unserer Gruppe.“

Hironishi:

„Bevor du mich einlädst ein Mitglied der JKA zu werden, musst du zwei Dinge tun: Geh zum Haus der Funakoshis und bitte sie um Vergebung. Wie kann ich Mitglied des Vereins werden, der die Beerdigungen des Meisters boykottiert hat ? Und außerdem musst du die Taikyoku-, und Tenno Kata als offiziell akzeptieren. Wenn du diese beiden Voraussetzungen erfüllst, werde ich darüber nachdenken.“

Nakayama:
„Nun, vielleicht hast du recht. Aber diskutieren wir nicht. Werde Teil der JKA und bringe später deine Argumente durch.“

Hironishi:
„Schau Nakayama, wir sind beide Karate-Lehrer. Wir haben gemeinsam trainiert und harte Zeiten durchgemacht. Ich hoffe du verstehst mich. Aber du hast Schüler und wenn die Leute zu ihnen sagen werden: „Sie sind doch von dem Verein, der die Beerdigung von Meister Funakoshi boykottiert hat!“. Das tut dann weh, oder ? Also gehe zum Haus der Funakoshis und bitten Sie um Vergebung. Es ist reine Formsache, ich weiß, aber du mußt es tun.“
Porträt am Grab des Funakoshi 1957
Wie wir alle wissen, hat es diese Entschuldigung nie gegeben. Im selben Jahr findet die erste japanische Karate-Meisterschaft statt. Der Gigant JKA beginnt zu wachsen und sich über die ganze Welt zu verbreiten.
„Die Geschichte wird von den Siegern geschrieben“ heißt es im Volksmund. Dieses Zitat wird wahlweise Napoleon oder Churchill zugeordnet. Wie dem auch sei. Es ist sicherlich immer besser, wenn alle beteiligten Parteien zu Wort gelassen werden. Nur so kommt man der Wahrheit näher.
In der Fortsetzung dieses Artikels werde ich dann ausführlich auf die letzte Ruhestätte von Gichin Funakoshi eingehen. Genaue Lage, Inschriften usw. Von diesem und den anderen drei (vergessenen) Meistern ihrer Zeit. Miyagi Chojun, Mabuni Kenwa und Otsuka Hironori.

Quellen: Shotokai Honbu Dojo (webseite) / Universität Wien (Totenriten und Bestattung)

ki o tsukete kudasai ( 気をつけて下さいいい )